Samstag, 12. August 2017

Melodramen in verschiedenen Härtestufen: Eindrücke vom 4. Terza-Visione-Festival des italienischen Genrefilms, 27.-30.07.2017


Hinweis: Terza Visione ist zu 100 % ein 35mm-Festival. Alle gezeigten Filme liefen also auf richtigem Film. Die Mehrheit im italienischen oder englischen Original (außer da, wo angegeben), teilweise mit Untertiteln, die von den fleißigen Organisatoren in mühe- und liebevoller Arbeit selbst erstellt wurden. Zu danken sind hierfür und für die Konzeption des Festivals zuallererst Christoph Draxtra sowie Andreas Beilharz, in der Filmblogosphäre von den Eskalierenden Träumen bekannt.

Donnerstag, 27. Juli


kurz vor 20.00 Uhr

Mindestens zwei Zuschauer im Saal tragen ein passendes DIABOLIK-T-Shirt. Später im Verlauf des Festivals sehe ich zahlreiche weitere interessante T-Shirts: mit Ingrid Bergmann in STROMBOLI, ein textiles Plakat von SEI DONNE PER L‘ASSASSINO. Ohne direkten Italienbezug fügt sich auch ein T-Shirt mit ROLLS-ROYCE BABY sehr schick ins Gesamtbild.
Übrigens: so voll wie bei DIABOLIK wurde keine Vorstellung mehr. Wesentlich „leerer“ wurde es nur an den frühen Nachmittagsvorstellungen und bei den ganz späten Vorstellungen. Das Terza Visione war tatsächlich kein „Spezialisten“-Festival für Eingeweihte mit dreiviertel-leeren Vorstellungen, sondern erfreulicherweise rundum gut besucht.



ab 20.00 Uhr

DIABOLIK (Gefahr: Diabolik)
Regie: Mario Bava
Italien / Frankreich 1968, 105 Minuten
Der Meisterverbrecher Diabolik (John Phillip Law) und seine Gefährtin Eva (Marisa Mell) erbeuten bei gewagten Coups Millionen vom autoritären Staat und von den Reichen. Der Kommissar Ginko (Michel Piccoli) verbündet sich mit dem Mafioso Valmont (Adolfo Celi), um den Dieb zu fangen.
Pop-Art-Kino hat Mario Bava eigentlich schon immer gemacht, doch in der Comicverfilmung DIABOLIK findet sich zu der Form nun auch der passgenaue Inhalt. Heutzutage, wo bei dem Wort „Comicverfilmung“ wahrscheinlich nicht nur mir ein genervtes Stöhnen entweicht, weil man damit Tentpole-Sommerblockbuster im Se-Prequel-Reboot-Modus der Marke kindisch-selbstironisch (DEADPOOL) oder selbstbeweihräuchernd-bierernst-semifaschistisch (Nolans Fledermaus-Filme) verbindet, ist DIABOLIK von einer großen Frische und angenehmen Frechheit. Hier weht ein völlig unverstellter, fast schon kindlich-naiver Spaß an Genre durch den Film: Superhelden und Superschurken, die fantastische Dinger mit Super-Hightech-Geräten drehen, flankiert von wunderschönen Frauen, akustisch von fetzigen Klängen begleitet, die einem deutlich machen, dass wir gerade im italienischen Kino unterwegs sind.
Dabei ist das ganze auch frech, subversiv, anarchisch, radikal antiautoritär. Der Geist des Films wird schön in einer Vignette zusammengefasst: Diabolik, verkleidet als Journalist, „sprengt“ die bierernste Pressekonferenz des Innenministers, der bedeutungsschwanger etwas von harter Hand gegen „die kranken Elemente unserer Gesellschaft [Pause] – also ich meine damit: die Verbrecher“ schwafelt, indem er mit seinem Blitzlicht unbemerkt Lachgas im ganzen Raum verteilt. Aus der ganzen Veranstaltung wird eine Farce, weil unterschiedslos alle lachen müssen. Lachen... die wirkungsmächtigste Waffe gegen autoritäre Pappnasen!
Eine echte Meisterleistung ist die Besetzung von Michel Piccoli als Kommissar Ginko, denn ich kann mir nur wenige Schauspieler vorstellen, die weniger in eine Comicverfilmung passen als er – und deshalb passt es dann doch so perfekt. Ginko ist möglicherweise der einzige „echte“ Charakter in einem Ensemble aus Comic-Stereotypen (nicht im negativen Sinne gemeint): ein Charakter, der dem delirierenden Film eine angenehme Erdung gibt. Ein Mann auf der Seite des autoritären Staates, der nicht aus persönlichem Sadismus, sondern tatsächlich aus Pflichtbewusstsein handelt (und dadurch dem wahren Charakter des Autoritären wohl näher kommt als die karikaturhaften Innenminister-Figuren). Der sich zum Mittagessen in seinem Büro ein herzhaftes Sandwich und ein Bier genehmigt – so etwas Banales könnten sich Diabolik und Eva niemals erlauben! Der sich nur widerwillig mit dem schmierigen Valmont verbündet. Der fast ein wenig traurig wird, wenn er Diabolik dann endlich (natürlich nur scheinbar) gefangen hat, weil er vor der Geschicklichkeit und dem intellektuellen Organisationstalent des Meisterverbrechers fasziniert ist.
DIABOLIK sieht nicht nur fantastisch aus, sondern hört sich auch großartig an. Dafür sorgt Ennio Morricone mit seinem tollen Score, der funkigen Jazz, Lounge‘iges und Rockiges mit orientalisch-indischen Klängen verbindet (man höre z. B. hier mal rein).
Andreas Beilharz erklärte in der Einführung, dass der als Blockbuster konzipierte DIABOLIK für etwa ein Siebentel des geplanten Budgets gedreht wurde. Der extrem ökonomisch arbeitende Mario Bava konnte sich zwar eigentlich über das größere Budget freuen, doch die Mühe, über komplizierte bürokratische Wege einzelne Geldtranchen für einzelne Szenen bei der Produktionsfirma Dino de Laurentiis‘ zu beantragen, frustrierte den Meisterregisseur schnell. So endete das damit, dass Bava viele Szenen mit den ökonomischen Mitteln und Tricks drehte, die er aus seinen kostengünstigeren Produktionen kannte. Das Resultat lässt sich sehen: von einigen Rückprojektionen abgesehen (jene im Auto unterstreichen auf expressionistische Weise die Comic-Atmosphäre des Films) sieht der Film extrem wertig aus, ganz besonders die Szenen in Diaboliks Untergrundbasis. Im „wahren“ Leben wie im Film: Ein Sieg des Subversiven und Künstlerischen über das Autoritäre und Bürokratische.



ab 22.30 Uhr

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA (Eine Eidechse in der Haut einer Frau)
Regie: Lucio Fulci
Italien / Spanien / Frankreich 1971, 106 Minuten
Eine gutbürgerlich-spießige Ehefrau (Florinda Bolkan) träumt davon, dass sie ihre sexuell freizügige Nachbarin (Anita Strindberg) ermordet. Dann geschieht der geträumte Mord auch in der Wirklichkeit...
Im gerne beschworenen Fulci-Argento-Gegensatz verorte ich mich selbst als Argento‘ianer. UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA hat mir bewiesen: es liegt möglicherweise daran, dass ich verhältnismäßig noch zu wenige Fulcis kenne (dessen Werk wesentlich vielfältiger als das Argentos ist). Denn UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA sieht absolut fantastisch aus! Fulci und sein Kameramann Luigi Kuveiller veredeln eine eher statische Krimigeschichte mit rasanten Fahrten, verblüffenden Schwenks, irren Zooms, einer manischen Handkamera sowie mit Splitscreens und Split-Diopters, die Brian De Palma mal etwas besser hätte studieren können. Das gepflegte Abendessen im Kreise der spießigen Familie wird hier wahlweise zur Farce, wenn in Splitscreens das gediegene Dinner mit dem hedonistischen Treiben in der Wohnung der Nachbarin kontrastiert wird – oder zu einer Hölle, wenn die Handkamera nervös die Essenden umfährt. Luigi Kuveiller fotografierte später nicht nur Fulcis LO SQUATTORE DI NEW YORK (der mich eher wenig begeistert hat), sondern auch Dario Argentos PROFONDO ROSSO. Während letzterer in hyperstilisierten Tableaus und extrem kontrollierten (Proto-?)Steadicam-Fahrten schwelgt, ist UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA durch und durch „dreckig“ inszeniert und geschnitten.
Mit den späteren Fulcis teilt UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA den gewaltsamen Einbruch des Irrationalen in den „normalen“ Alltag. Untote tauchen hier als mit LSD vollgepumpte Hippies auf (die wie die Untoten in L‘ALDILÀ komplett weiße Augen haben) – und hinter unverdächtigen Krankenhaustüren können auch grausame Vivisektionsexperimente mit Hunden lauern. UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA ist zweifelsohne auch Vorbild für Fulcis späteren SETTE NOTE IN NERO (1977), in dem eine Frau mit hellseherischen Fähigkeit die Vision eines Mordes hat (und dabei die Chronologie durcheinander bringt). In beiden Filmen gibt es in der zweiten Hälfte eine sehr lange und ultraspannende Verfolgungsjagd zwischen zwei Personen, die sich bei weit über 10 Minuten ohne jegliche Worte rein visuell entwickelt. Die Auflösung in UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA ist noch gänzlich „trivial“ und Allerwelts-mäßig, während in SETTE NOTE IN NERO letzteren die übernatürlichen Elemente tatsächlich so stehen bleiben.
Ich muss mich mehr mit Fulci beschäftigen!


Freitag, 28. Juli



ab 12.30 Uhr

LA RIVOLTA DEI SETTE (Blutgericht)
Regie: Alberto De Martino
Italien 1964, 88 Minuten (deutsche Fassung)
Im antiken Griechenland rebellieren einige gefallene Herrscher zusammen mit einer fahrenden Schauspieltruppe gegen die korrupte Elite Spartas und suchen nach einer Statuette mit einem darin verborgenen, verschwörerischen Geheimvertrag...
Der Muskelmannheld macht Muskelmannheld-Sachen und schmeichelt dabei das Auge der geneigten Zuschauer, sein Sidekick unterstützt ihn dabei, der Chef der Schauspieler sorgt mit seinem kleinen Alkoholproblem für einige Lacher, seine Tochter schmeichelt das Auge der geneigten Zuschauer, die Schurken (es sind zwei, vielleicht sogar drei, die sich irgendwie ähnlich sehen) sind ultraschurkisch, die Schurkin ist ultraschurkisch und dabei auch ultraerotisch. Dazwischen gibt es nette Prügeleien sowie lange Dialoge zur Planung der Intrigen.
So weit, so gut, so erwartbar. LA RIVOLTA DEI SETTE ist routiniert, aber eben auch nicht besonders engagiert inszeniert. Das einzige, was für mich hervorstach, war eine längere Montage der Schauspiel-Acts, die die fahrenden Profischauspieler gemeinsam mit den Rebellen auf der Flucht aufführen – sie war viel zu lange, um als reine Exposition herzuhalten und wirkte daher irgendwann fesselnd. Wie so ein kleiner Erholungsspaziergang von dem Einerlei des Rests. Trotzdem: gepflegte Langeweile, mit der man gut den Tag einleiten kann, um sich später etwas in Qualität und Härte hochzuarbeiten. Für mich der schlechteste Film des Festivals. Dass er trotzdem noch so halbwegs okay ist, zeugt von dem hohen Niveau, mit dem Terza Visione kuratiert wird.


ab 15.45 Uhr

CHI È SENZA PECCATO... (Wer ohne Sünde ist...)
Regie: Raffaello Matarazzo
Italien 1952, 101 Minuen
Der italienische Emigrant Stefano (Amedeo Nazzari) heiratet in Kanada mittels einer Fernhochzeit seine Verlobte Maria (Yvonne Sanson), die in Italien geblieben ist. Mit der ungewollten Schwangerschaft von Marias kleiner Schwester beginnt eine Reihe von zunehmend eskalierenden Unglücksfällen.
Raffaello Matarazzo wird bisweilen als italienischer Douglas Sirk bezeichnet: ein Regisseur, der in den 1950er Jahren kommerziell erfolgreiche Melodramen inszenierte, die von der Kritik verrissen wurden, und später als großes Kino mit einem überaus scharfen Blick für soziale und existentielle Probleme wiederentdeckt wurden. Statt Rock Hudson gab es Amedeo Nazzari – zusammen mit Yvonne Sanson entstand ein Zyklus von sieben Nazzari-Sanson-Melodramen.
Ein italienischer Sirk? – das weckt natürlich erst einmal mein Interesse, doch CHI È SENZA PECCATO... an sich und Matarazzos Inszenierung im Speziellen haben mich nicht zu Begeisterungsstürmen verführt. Wie die ganze Geschichte immer mehr und immer mehr in einer Reihe unfassbarer Unglücksfälle eskaliert, ist schon beeindruckend – ebenso, wie am Ende das ganze doch noch in ein Happyend umgebogen wird. Weitere Sichtungen, vielleicht auch anderer Matarazzos, werden womöglich weiter helfen, aber dem Neorealismus ist Matarazzo doch näher als Sirks wahnwitzigem Expressionismus.
Ganz ohne Begeisterung bin ich nicht aus dem Film gegangen: die gebürtige griechisch-französisch-russische Schauspielerin Yvonne Sanson hat mich als Melodrama-Queen schlichtweg verzaubert und ließ ihren Partner Nazzari dabei etwas plump aussehen. Sollte es bislang niemand gemacht haben, mache ich es jetzt: Yvonne Sanson ist wie eine italienische Joan Crawford.


ab 20.00 Uhr

ARCANA
Regie: Giulio Questi
Italien 1972, 112 Minuten
In einem Vorort von Mailand hypnotisiert eine Betrügerin (Lucia Bosè) wohlhabende Kunden und verkauft ihnen das ganze als spiritistische Sitzungen. Ihr Sohn (Maurizio Degli Esposti), mit dem sie eine konflikthafte und zugleich latent inzestuöse Beziehung hat, entwickelt tatsächlich spiritistische und magische Begabungen.
Giulio Questi war ein cinéaste maudit des italienischen Kinos. ARCANA war sein dritter, letzter und radikalster abendfüllender Spielfilm, bevor er sich der Lyrik, Regiearbeiten für das Fernsehen und gegen Ende seines Lebens dem experimentellen Digitalvideofilm widmete. Sein erster Film, SE SEI VIVO SPARA von 1967 (in Deutschland bekannt als „Töte, Django“), war ein Western, der immer wieder ins Surreale abdriftete und mit seiner grafischen Gewalt Zuschauer und Zensoren schockierte, aber auch als perfide Kapitalismus- und Faschismuskritik faszinierte (mich ließ der Film eher kalt – eine Neusichtung wäre bestimmt vonnöten). Questis zweiter Film LA MORTE HA FATTO L‘UOVO (1968) verband den Giallo mit Kapitalismus-Groteske (da werden wohl Hühner gezüchtet, die rechteckig sind, damit sie effizienter verarbeitet werden können). ARCANA, ein urbaner Hexen-und-Magier-Film und vor allem ein mysteriös-surrealistisches Werk, floppte ebenso fulminant wie Questis erste Filme und beendete damit seine Kinokarriere.
Christoph Huber erklärte in einer einführenden Videobotschaft (er konnte wegen Krankheit nicht persönlich anreisen) ARCANA zu einem der besten Filme aller Zeiten. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber für mich steht fest: wegen solcher Unglaublichkeiten wie ARCANA nehme ich gerne die Mühe auf mich, Filmfestivals zu besuchen.
In den ersten 20, vielleicht 30 Minuten, die mehr Geduldsprobe als Filmvergnügen sind, hätte ich das niemals gedacht. Im Grunde sieht man nur eine Frau, die esoterisches Geschwafel von sich gibt, während in einem Stuhlkreis Leute schlafen und dabei murmeln. Enden tut der Film unter anderem mit (symbolischen) Leichenbergen des Zweiten Weltkriegs und möglicherweise einer Art Apokalypse. Was dazwischen passiert ist, damit aus leicht irritierter Öde eine mysteriös-hypnotische Faszination erwächst, ist schwierig zu sagen. Ich vermute, dass der Spiritismus, die Magie, der Schamanismus, das Paranormale – wie man es auch immer nennen will – die der Sohn sich langsam wahrhaftig aneignet, auch den Film ARCANA ergreifen und „infizieren“. Von da an gibt es kein Zurück mehr. Schlaf, Traum, Realität, Illusion, Wirklichkeit – diese Kategorien ergeben keinen Sinn mehr. Abgebrochene Eselszähne werden zu bösartigen Talismanen verarbeitet. Der Sohn sucht in den Schächten der städtischen Metro nach den abgetrennten Gliedmaßen verunglückter Metroarbeiter bzw. seines Vaters. Kleinwüchsige Frauen bringen Hochzeitskleider zu spiritistischen Massen-Sitzungen. Der Sohn foltert seine Mutter mit einem Küchenmesser, um an Informationen zur Herstellung eines Talismans zu kommen und bearbeitet später mit dem selben Messer Erhebungen im Boden des U-Bahn-Schachts, die wie die Brüste seiner Mutter aussehen. Die Mutter „spuckt“ die Information aus – und spuckt später Frösche. U-Bahn-Arbeiter klopfen an die Fenster eines Zugs, die Passagiere im Inneren um Hilfe anflehend. U-Bahn-Passagiere klopfen an die Fenster ihres Zugs, um die U-Bahn-Arbeiter draußen um Hilfe anzuflehen... (hier ein fünf-minütiger Ausschnitt aus dem Film, der dem Wahnsinn einer Kinovorführung natürlich nur bis zum Rockzipfel reicht)
Bevor ich mich völlig in Inkohärentem verliere: Die gezeigte Kopie aus dem Centro Sperimentale di Cinematografie der Cineteca Nazionale wurde zur Vorführung in Venedig in den 2000er Jahren gezogen. Gemäß den einführenden Worten war das verwendete Filmmaterial ein anderes als beim Original, wodurch die Farben möglicherweise nicht ganz originalgetreu zu sehen waren. Dessen bewusst muss ich dennoch (um jetzt mal etwas kohärentes zu sagen) dies erwähnen: ich habe selten eine derartige Inszenierung der Farbe / Nicht-Farbe Schwarz gesehen. Ein Großteil des Films spielt in einer abgedunkelten Wohnung. Die Figuren agieren meist vor einem gähnenden, dunklen, dunklen, dunklen, ultradunklen Schwarz – oder tauchen plötzlich aus diesem Schwarz heraus. Das war bereits in den ersten paar Minuten des Films sehr hervorstechend. Die Magie kam später hinzu. Der Rest ist nicht weniger als ein grandioser Höhepunkt des Festivals.



ab 23.00 Uhr

SVEZIA INFERNO E PARADISO (Schweden – Hölle oder Paradies?)
Regie: Luigi Scattini
Italien 1968, 87 Minuten (deutsche Fassung, gekürzt)
Die Schweden, wie sie leiben, leben, ficken, rudelbumsen, Drogen nehmen, sich zu Tode saufen, Selbstmord begehen, inzestuös verkehren, lesbische Clubs besuchen, Autos klauen, nackt saunieren und dank Atombunker irgendwann als überlegene Rasse die Welt wieder bevölkern werden.
Hinweis: gezeigt wurde im Grunde nicht SVEZIA INFERNO E PARADISO, sondern dessen deutsche Interpretation SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? Bei Einzelgesprächen mit Personen, die sich besser mit dem Genre des Mondo-Films auskennen, wurde bestätigt, dass deutsche Fassungen italienischer Mondo-Filme ein komplett eigenes Genre bilden, weil der deutsche Kommentar etwaige Niederträchtigkeiten des Originalkommentars um ein Vielfaches potenziert und dann noch zusätzlich eine ganze Schippe an eigenen Ungeheuerlichkeiten „hinzudichtet“ – so viel, dass man schon sehr naiv sein muss, um an einen durchschlagenden Erfolg der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg zu glauben. Ich bespreche also SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES?
Sich empören und sich aufgeilen!
Irgendwann bei einem Drittel oder der Hälfte dieses infamen Films dachte ich, dass er bei einem AfD-Stammtisch der absolute Knüller wäre. Was hier zu sehen ist, ist ein mustergültiges Prototyp von dem, was heutzutage unter dem modischen Begriff „fake news“ verniedlicht wird: manipulative Medienproduktion mit dem Ziel, zu hetzen und Hass zu säen. Tatsächlich ist SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? aber noch wesentlich perfider als das, weil er seine Zuschauer nicht nur dazu einlädt, über alles, was nicht männlich, weiß, heteronormativ und gut- bzw. spießbürgerlich mit autoritär-konservativem Einschlag ist, offenen Hass zu säen, sondern sich dabei auch regelrecht aufgeilend zu delektieren.
Sich empören und sich aufgeilen!
Das geht ungefähr so: Schweden wird gezeichnet als „echt sozialistisches“ Land, das von Hippie-Weicheiern regiert wird. Ein Land, das Inzest staatlich toleriert, Sexualunterricht für Teenager organisiert (mit Diskussionen darüber, welches Verhütungsmittel das beste sei – so ein Ding aber auch!), in dem schamlose Mädchen jede Nacht mit mindestens drei oder vier Jungs Sex haben, in dem Politessen nach Feierabend ins Porno-Fotostudio stacksen, in dem Motorradgangs, die die verweichlichte Polizei selbstverständlich nicht unter Kontrolle hat, Teenager-Mädchen gruppenvergewaltigen, was selbstverständlich zu verurteilen ist, weil Motorradgangs eklig sind und die vergewaltigten Mädchen dadurch lesbisch werden und sich später in abartigen lesbischen Tanzclubs rumtreiben, während im danebenliegenden Lokal sich die Jugendlichen mit Marihuana, LSD und Heroin die Birne zu- oder totknallen (war Kokain schon 1968 eine upper-class-Droge, die deshalb hier unerwähnt bleibt?) und in Bretterbuden am Rand der Stadt der „Abschaum“ (O-Ton) und das „Strandgut“ (O-Ton) der Gesellschaft (im nüchterneren Sprachgebrauch: Obdachlose) Entfrostungsmittel schluckt und Schuhcreme-Sandwiches isst, wohingegen der gesetzestreue Bürger, der in seinem gerechten Volkszorn einen Autodieb verprügelt, von jenen Polizisten verhaftet wird, die sich gerade nicht in Sexshops oder Pornostudios rumtreiben, der Dieb hingegen das Auto einfach in den nächstgelegenen Fluss kutschiert, aus dem es dann am nächsten Tag von blinden Tauchern geborgen wird, die gefälligst froh darüber sein sollen, dass sie das tun dürfen, weil Blinde bekanntermaßen völlig nutzlos für eine Gesellschaft sind, und wenn es irgendwann einmal zum Atomkrieg kommt, werden die Schweden dank guter Atombunker überleben und zur „herrschenden Rasse“ (O-Ton im Film – kein Witz!) der Welt werden – vorausgesetzt, die schwedische Jugend begeht nicht aus lauter Langeweile Selbstmord, wozu sie offenbar einen besonderen Hang hat und woran uns der Sprecher etwa alle zehn Minuten schadenfroh erinnern möchte... Ach ja: und viele nackte Brüste gibt es auch zu sehen!
Sich empören und sich aufgeilen!
SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? ist eine herzliche Einladung an den Zuschauer, voll und ganz in Häme, Hass und Hetze zu schwelgen und vor allem aber auch, sich an den Bildern nackter Frauen, gestellter Gruppenvergewaltigungen und dreckigen Drogen- und Alkoholkonsums zu delektieren und aufzugeilen. Diese Janusköpfigkeit kennt man bereits aus dem frühen Kino, nämlich von Griffith: doch Griffith hat seine antihumanistischen Obsessionen in die Form klassischen Erzählkinos (den er ja mitbegründet hat) eingebettet. SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? ist da eine ganz andere Nummer, weil das abgespulte Programm von den Fesseln des Erzählkinos befreit ist und damit viel mehr Platz für Assoziationen bietet, ohne sich an einzelnen Figuren und Plots aufhalten zu müssen. Wer sieht, dass schwedische Ordnungshüter in ihrer Freizeit in Pornostudios gehen, kann sich eben „seinen Teil“ denken, wenn später Polizisten Autodiebe wieder freilassen. SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? ist roh und unverstellt, und dabei trotzdem von unfassbarer Heuchelei. Sich empören? Nur zu: dafür die sind die Lesben, die Blinden, die Schwarzen, die Obdachlosen, die Motorradgangs da. Sich dabei aufgeilen? Nur zu: dafür sind die nackten Brüste da! Schuldgefühle? Nicht doch. Schuld sind die nackten Lesben und die heruntergekommenen Obdachlosen doch selbst.
Sich empören und sich aufgeilen!
Wer noch Hemmungen hat, sich prächtig zu unterhalten, der kann sich auch einfach von dem absolut fantastischen Score Piero Umilianis treiben lassen, der die ganzen infamen Niederträchtigkeiten mit locker-fluffigen Lounge-Klängen voller Strandbar-Atmosphäre untermalt. Ein Traum. Und die gute Nachricht: es gibt tatsächlich eine Soundtrack-CD bzw. Vinyl-Platte. Der etwas erhöhte Preis hat mich davon abgehalten, ihn gleich zu kaufen. Unabhängig davon dürfte ein Stück des Scores von mehreren Hunderten Millionen Menschen auf der ganzen Welt bekannt sein: auf dem veröffentlichten Soundtrack heisst das Lied „Samba mah nà“, berühmter ist es heute als „Mah nà mah nà“, das zunächst als Singleauskopplung des Film-Soundtracks in Nordamerika Erfolge feierte und später durch die Nutzung in der „Sesamstraße“ und bei den „Muppets“ weltberühmt wurde. Hier reinhören.
Sich empören und sich aufgeilen!
Das autoritäre Weltbild, das SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? transportiert, ist meiner Meinung wenig lustig. Zusätzlich zum Grauen des eigentlichen Films kam bei der Sichtung dazu, dass ein großer Teil des Saals über weite Strecken der Vorführung lachte. Sicher, es handelte sich – ich hoffe es zumindest! – um größtenteils ironisches Gelächter, vielleicht auch um einen Versuch, mit diesem unfassbaren Knüppel fertig zu werden. Aber ob Ironie wirklich das richtige Mittel ist, um sich mit diesem Film auseinanderzusetzen, wage ich zu bezweifeln. Für mich gibt es keinen Zweifel: SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES? ist ein schrecklicher, scheußlicher, niederträchtiger, hundsgemeiner Film. Ein Film, der Ideologiekritik an Rape-and-Revenge-Exploitern, Vigilanten-Reißern und Kannibalenfilmen wie die reinste Farce aussehen lässt. Ein infames Meisterstück des antihumanistischen Kinos.


Samstag, 29. Juli


ab 13.00 Uhr

UN UOMO DA RISPETTARE (Ein achtbarer Mann)
Regie: Michele Lupo
Italien / Bundesrepublik Deutschland 1972, 112 Minuten (deutsche Fassung)
Der Meistereinbrecher Steve (Kirk Douglas) kommt aus dem Gefängnis und möchte zu seiner Ehefrau Anna (Florinda Bolkan) zurück. Doch seine ehemaligen Auftraggeber wollen ihn zu einem neuen Coup zwingen. Zusammen mit dem flüchtigen Zirkusakrobaten Marco (Giuliano Gemma) bereitet er sich vor.
Oh, du zarte, bittersüße Melancholie!
Auf dem 4. Terza Visione wurde mehrmals diskutiert, wie viel Melodrama eigentlich in anderen Filmen außerhalb des als „das Melodrama des Festivals“ programmierten Films (Matarazzos CHI È SENZA PECCATO...) zu finden sei: etwa in dem Söldner-Rache-Actioner ROLF, oder naheliegend in INGRID SULLA STRADA, oder auch im Western LA NOTTE DEI SERPENTI. Ich denke, dass auch UN UOMO DA RISPETTARE in vielerlei Hinsicht ein Melodrama ist – ein Melodrama im Gewand eines Heist-Thrillers. Es ist die Geschichte eines Mannes, der aufgrund seiner persönlichen Obsession, den besten Coup zu drehen (die nur bedingt etwas mit den äußeren Zwängen seiner ehemaligen Arbeitgeber zu tun hat), seine Frau zutiefst enttäuscht und sich zunehmend von ihr entfremdet. Trotz einiger Action-Einlagen dürften die ersten zwei Drittel des Films für Zuschauer, die einen reinen Heist-Film erwarten, etwas enttäuschend sein. Mehr als die Vorbereitung des Heists erzählt UN UOMO DA RISPETTARE hauptsächlich von seinen drei Hauptfiguren. Das geschieht in vielen kleinen, unscheinbaren Momenten (die wahrscheinlich in angloamerikanischen Fassungen, die knapp über 90 Minuten dauern, rausgekürzt wurden): ein kurzer Moment des Eheglücks auf der Bowlingbahn, in dem Steve und Anna als harmonisches Paar gezeigt werden, wenn sie sich über Bowlingregeln unterhalten – kurz, bevor der geplante Coup ein Schatten auf das Glück wirft. Anna und Steve, die früh morgens in das Esszimmer kommen und überrascht sehen, dass Marco das Frühstück schon fertig zubereitet hat. Die heimlichen Unterhaltungen zwischen Anna und Marco: er möchte sie am liebsten anflirten, traut sich aber nicht richtig (aus Anstand oder aus Loyalität zu Steve), und sie weiß ganz genau, dass er das möchte – und so reden die beiden in Floskeln um die etwas unangenehme Situation herum.
Hier, in den Figuren, baut sich eine melancholische, leicht fatalistische Atmosphäre auf, und die wird nur noch verstärkt von der Tatsache, dass wir uns in Hamburg im Spätherbst befinden: eine graue, monochrome Stadt, über die sich ein hartnäckiger grauer Nebelschleier von der Alster gelegt hat. Dazu kommt der brüterische, leicht dissonante Score Ennio Morricones (hier ein Ausschnitt). In den ersten zwei Dritteln scheint UN UOMO DA RISPETTARE statisch – dabei ist der Film nur zutiefst melancholisch. Von den letzten, hochintensiven zehn Minuten abgesehen ist diese Melancholie aber ätherisch, irgendwie da, aber doch nicht unmittelbar zu greifen – keine bleierne Schwere wie bei den späten Melvilles. Das ist auch der Grund, warum die Actioneinlagen (vor dem großen Heist) nicht deplatziert wirken, sondern wie eine wohltuende Ruhepause. Und was für Actionszenen das sind! Eine wüste Keilerei in einer Nebenstraße, bei der beide Prügelnden ihr Treiben schließlich nach Durchbruch einer Windschutzscheibe im Inneren eines Autos einfach fortsetzen. Eine noch wüstere Prügelei, bei der ein kompletter Weinladen zu Bruch geht. Und schließlich diese Autoverfolgungsjagd der Extraklasse, bei der gar das Auto eines unbeteiligten Autotransporters mit den vier Rädern nach oben auf dem Dach eines der Verfolgungsautos landet.
UN UOMO DA RISPETTARE erzählt auch vom Triumph des Menschlichen – im Guten wie im Schlechten. Das akustische Sicherheitssystem der Hochsicherheitsbank wird überlistet, weil es ein Computer ist und dieser ist auf die Geräusche hin programmiert, die ein Einbrecher typischerweise macht – nicht auf die Klänge von Mozarts 40. Sinfonie. Der Coup selbst glückt, aber der Gesamtplan scheitert natürlich ebenso wegen des menschlichen Faktors – das wird in einer absolut verblüffenden und schmerzhaften Ellipse vorbereitet, die (wenn es bis dahin nicht ohnehin schon vollkommen offensichtlich war) deutlich macht, wie unglaublich gut und wie dramaturgisch und emotional präzise dieser Film inszeniert ist.
Am Ende bleibt nur bittere Erkenntnis, Verlust, Schmerz – und der wahrscheinlich bittersüß-traurigste Film des Festivals.



ab 15.30 Uhr

LA SPOSINA (Kleine Braut, was nun?)
Regie: Sergio Bergonzelli
Italien 1976, 92 Minuten
Die sexuell freizügige Chiara heiratet den erfolglosen Schriftsteller Massimo. Dieser bestand während der Verlobung darauf, vor der Ehe keinen Sex zu haben, und nach der Eheschließung wird klar, warum: er ist impotent. Chiara setzt alle Hebel in Bewegung, um Massimo zu heilen.
Wir müssen uns diesen Film als einen Film vor der Ära des Viagra vorstellen. Aber wir leben ja heute. Und wie gerne hätte ich den Film gesehen, der von Gary Vanisian angekündigt wurde: einen Film über eine absolute und bedingungslose Liebe, die sich über alle Hindernisse hinweg behauptet. Ich glaube, LA SPOSINA hätte mir in diesem Fall richtig gut gefallen.
Doch so richtig ist der Funke bei mir nicht übergesprungen. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller Antinesca Nemour und Carlo De Mejo wirkte für mich eher zweckmäßig als wirklich inspiriert – ich sah keine Funken zwischen den beiden sprühen. So entwickelte sich LA SPOSINA als eine Aneinanderreihung mehr oder minder komischer Vignetten. Zum Beispiel soll eine Prostituierte Massimo wieder „richten“. Das geht zunächst schief, weil Massimo sich aus Versehen einen Transvestiten nach Hause holt. Die weibliche Prostituierte, die Chiara schließlich höchstpersönlich aussucht, landet nach mehreren Manövern und Verwechslungen mit Massimos schrulligem Bruder im Bett (was sie aufgrund ihrer starken Kurzsichtigkeit nicht merkt) – an und für sich eine witzige Szene mit einem extrem guten Timing, aber eben auch etwas mechanisch ausgeführt. Genau so wirkte für mich auch LA SPOSINA insgesamt: wie eine nette „commedia sexy e slapstick“, witzig und mit einem stets perfekten Timing, aber eben nicht der angekündigte ultimative und existentielle Film über bedingungslose Liebe. 
Ich bin mir nicht völlig sicher, aber ich glaube, eine der wichtigsten Nebendarstellerinnen des italienischen Genrefilms, die in Aberdutzenden von Filmen an prominenten Stellen zu sehen war, tauchte (ausgerechnet bei diesem Festival!) erst hier, bei LA SPOSINA, zum ersten Mal auf (oder habe ich sie bei UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA übersehen?). Die Rede ist von der obligaten Flasche J&B-Whisky.



ab 20.00 Uhr

INGRID SULLA STRADA (Ingrid auf der Straße)
Regie: Brunello Rondi
Italien 1973, 96 Minuten
Die Finnin Ingrid flieht von zu Hause und reist quer durch Europa nach Süden, um in Rom als Prostituierte zu arbeiten. Sie freundet sich rasch mit der Arbeitskollegin Claudia an, die ihr die Eigenheiten des römischen Rotlichtmilieus erklärt – und von ultrabrutalen Neonazis „protegiert“ wird, die Ingrid von Anfang an nicht mögen.
Das 4. Terza Visione probierte sich durch verschiedene Härtestufen des Melodramas – und INGRID SULLA STRADA gehört definitiv zur ziemlich harten Stufe.
Die Titelfigur, wild entschlossen, ihre Heimat zu verlassen, beginnt gleich in dem Zug, der sie nach Süden fährt, damit, sich zu prostituieren und bevor der Kontrolleur überhaupt zu ihr kommt, hat sie schon ein so erkleckliches Sümmchen verdient, dass ihr der Fahrtkartenpreis herzlich egal ist. In Rom angekommen gibt es erst einmal eine lange, lange, lange Fahrt durch die Stadt in der Pferdekutsche, zusammen mit ihren künftigen Arbeitskolleginnen (und hier lernt Ingrid Claudia kennen). Die Prostituierten unterhalten sich, reißen Witze, lachen, erzählen vom Leben. Einige potentielle Kunden oder einfach nur Schaulustige fahren auf dem Moped nebenher, plaudern mit, bekommen wüste Sprüche oder Witze an den Kopf geworfen, lachen darüber oder hauen beleidigt ab. Und der alte Pferdekutscher lenkt das Pferd mit leicht amüsierter Mine weiter, aber ohne einzugreifen. Eine tolle Szene.
Danach verschwimmt das ganze für mich. Möglicherweise bin ich kurz weggenickt. Zweifelsohne war ich gedanklich viele Minuten auf Durchzug und nahm kaum etwas vom Film richtig wahr. „Aufgewacht“ bin ich schließlich dann, als der Anführer der Neonazi-Zuhälter (gespielt von Pasolini-Stammdarsteller Franco Citti) vor versammelter Mannschaft einen der ihren, der öffentlich ein bisschen zu viel geplaudert hat, foltert und schließlich die Zunge herausschneidet. Anschließend wird Ingrid von der Bande verschleppt, mit Heroin betäubt und gruppenvergewaltigt. Dann verschwimmt der Film wieder – bevor Ingrid sich auf einem Steinbruch von herunterprasselndem Gestein erschlagen lässt.
Da mich bei INGRID SULLA STRADA meine Sinne etwas im Stich ließen, mag ich nicht wirklich etwas abschließendes zu diesem Film sagen. Daher vielleicht einige Worte zu Brunello Rondi. Der gebürtige Lombarde wirkte bei zehn Fellini-Filmen zwischen 1954 (LA STRADA) und 1980 (LA CITTÀ DELLE DONNE) zunächst als Produktionsdesigner, später als Autor und „künstlerischer Berater“ mit. Bei drei Rossellini-Filmen (FRANCESCO GIULLARE DI DIO, EUROPA ’51 und ERA NOTTE A ROMA) arbeitete er in ähnlichen Funktionen mit. In seiner politischen und künstlerischen Ausrichtung stand Rondi jedoch Pier Paolo Pasolini am nächsten: sein erster Film als Regisseur 1962 war eine Verfilmung des Pasolini-Romans „Una vita violenta“ – mit Franco Citti (damals noch künftiger Pasolini-Stammdarsteller) in der Hauptrolle. Rondis Regiearbeiten waren wohl ein Balanceakt zwischen sozialkritischem Melodrama und derber Exploitation. Darunter gibt es PIÙ TARDI, CLAIRE, PIÙ TARDI (1968), dessen Inhaltszusammenfassung wie eine VERTIGO-Variation klingt oder PRIGIONE DI DONNE (1974), der wie der Titel verspricht ein Women-in-Prison-Reißer ist.



ab 22.30 Uhr

ROLF (Der Tag des Söldners)
Regie: Mario Siciliano
Italien 1984, 93 Minuten
Der Ex-Söldner Rolf lebt zurückgezogen an einem tunesischen Badeort mit seiner Freundin Joanna. Die trügerische Idylle des traumatisierten Soldaten wird gestört, als seine Ex-Kumpanen auftauchen und ihn zu einer neuen Arbeit als Drogenschmuggler überreden wollen. Als Rolf ablehnt, prügeln sie ihn halb tot, vergewaltigen und ermorden später Joanna. Dann beginnt Rolfs Rachefeldzug.
In seiner wunderbaren Filmeinführung bezeichnete Sano Cestnik ROLF als das eigentliche Melodrama des Festivals, als „die harte Stufe des Melodramas“, als „Macho-Melodrama“, in dem nicht eine Frau ihren Schmerz ausweint, sondern ein Mann seinem Schmerz mit Kugeln Ausdruck verleiht. Ja, ROLF ist ein düster-pessimistischer Söldner-Film, ein knüppelharter Rape-and-Revenge-Exploiter, ein schlafwandlerisch-zarter Liebesfilm, eine ultra-abgeranzte Sleaze-Bombe, eine provokante filmische Aufarbeitung italienischer Kolonialverbrechen, eine christlich-mystisch-esoterische Passions- und Erlösungsgeschichte – kurz: ein hartes Melodrama in der Tat! Nicht umsonst wählte Mario Siciliano für diesen, seinen letzten Film (und was für ein letzter Film!) als englisches Pseudonym „Marlon Sirko“.
In den ersten 20 bis 30 Minuten war der Reichtum dieses merkwürdigen Films noch nicht für mich erkennbar, ja ROLF wirkte sogar wie ein etwas dahin geschluderter, stümperhafter B-Actioner. Augenscheinlich war nur, wie unfassbar antiklimaktisch und aufreizend langsam dieser Film inszeniert ist. Sano bezeichnete das später in einem privaten Gespräch als Bresson-artig und tatsächlich: ROLF ist womöglich der Söldner-Rache-Actioner, den Robert Bresson nie gedreht hat.
Denn dann kamen die Blutegel! Oder besser gesagt: zunächst wird Rolf von seinen ehemaligen Söldner-Kumpanen übel zugerichtet, nachdem er sich wiederholt weigert, an deren Drogengeschäften teilzunehmen. Die Prügelei dauert unangenehm lange. In einem Moment schlägt einer der Truppe Rolf drei, vier, fünf, vielleicht sechs Mal auf die gleiche Weise ins Gesicht. Schließlich bleibt Rolf halbtot liegen, nachdem seine Kumpanen weitergezogen sind. Langsam, sehr langsam robbt der Verletzte auf sein Auto zu. Langsam, sehr langsam bereitet er sich darauf vor, sein ausgerenktes Knie wieder einzurenken, indem er sein verletztes Bein auf den Vorderreifen seines Geländewagens hievt. Das Einrenken geht schnell vonstatten, doch Rolf wird ohnmächtig und fällt ins nahe liegende Gebüsch. Dort fangen Blutegel an, auf ihn herumzukriechen. Das dauert ziemlich lange. Sehr lange. So lange, dass es die Aufmerksamkeit auf sich zieht und anfängt, zu irritieren. Und dann dauert es noch einmal einen Tick länger.
Nun... In PSYCHO mag Alfred Hitchcock seine (scheinbare) Protagonistin nach 40 Minuten von einem Irren in Frauenkleidung abstechen lassen. Aber in welchem Film sieht man schon, dass der Held nach knapp einem Drittel von Blutegeln aufgefressen wird? Diese Bresson‘ianische (?) Szene ist zweifelsohne sehr mysteriös und regt zu vielseitigen Deutungen an (wie ich in einem Gespräch später – siehe unten – eruieren konnte). Ist das vielleicht ein Reinigungsprozess: die Blutegel saugen die Schuld aus Rolf? Oder wird Rolfs Körper in dem Moment zu einem Sinnbild einer kaputten Welt, auf der sich viele Figuren kriechend tummeln – nur um später von einem aufgewachten und wütenden Rolf brutal zerquetscht, weggerissen und weggeworfen zu werden? Ich selbst neige dazu, das ganze als symbolische Todesszene zu sehen: Rolf stirbt – und wacht dann wieder auf, als Wiedergeborener oder vielleicht als Untoter? Als er sich im Dunkeln (ohnmächtig ist er bei hellem Tageslicht geworden) wieder aufrichtet, scheint das Mondlicht direkt in seine Augen, und seine Pupillen wirken, als wären sie komplett weiß – als wäre Rolf ein Untoter, ein Jenseitiger aus Fulcis L‘ALDILÀ. Das passt vielleicht auch besser als die Vorstellung, dass Rolf im engeren christlichen Sinne wiederauferstanden ist: denn die großen Leiden des Titelprotagonisten, die verschiedenen Etappen seiner Passionsgeschichte, fangen erst dann richtig an!
Vielleicht ist auch nur die Chronologie aus Passion, Tod, Wiederauferstehung und Erlösung durcheinander gebracht. Die Leiden einer Actionfigur mit christlich angehauchter Ikonographie zu überhöhen, ist an und für sich nichts Ungewöhnliches im Actionkino. Aber das derartig explizit zu tun, ist schon sehr speziell. Rolf erledigt dann zwar seine Ex-Kumpanen, bekommt dabei aber so einige Kratzer ab. Grund genug für ihn, um sich mehrfach in dramatische Kreuzigungsposen zu werfen. Um erschöpft und vor Schmerzen der Ohmacht nahe liegend von einem mitfühlenden Freund gehalten zu werden – für eine schaurig-schöne Pietà-Pose. Um von einem seiner Ex-Kumpanen Wundmale in die Hände geschossen zu bekommen – aus denen er später in dramatischen Momenten auch üppig blutet.
Rolf verschwindet gleich zwei mal für etwas längere Zeit aus dem Film: das erste Mal, nachdem er niedergeprügelt und von Blutegeln aufgefressen wurde. Da bleibt er erst mal eine ganze Weile liegen, während die kaputte Welt um ihn herum auch ohne ihn weiterhin kaputt sein kann. Später begleiten wir für längere Zeit seinen Antagonisten, also den „Chef“ seiner ehemaligen Söldner-Kameraden, der ein wenig aussieht wie ein unbekannter, älterer und schwer derangierter Halbbruder Uwe Ochsenknechts. Er trinkt in der lokalen, abgeranzten Bar, wo früher Joanna arbeitete, spricht dann auf der Straße eine Prostituierte an. Dabei wird er von allen als das angesehen, als das auch wir als Zuschauer ihn sehen: als völlig rohen, vertierten Rüpel, der jederzeit durch die Decke gehen kann. In einem späteren Gespräch meinte Sano, dass der Antagonist nichts anderes sei als ein Spiegelbild Rolfs. Das Spiegelbild Protagonist-Antagonist ist im Genrekino ja nichts außergewöhnliches, aber in ROLF führt das zu besonders bitteren Erkenntnissen. Im Prolog des Films sehen wir, wie weiße Militärs in einem afrikanischen Dorf ein Massaker anrichten. Später erinnert der Antagonist Rolf mehrmals daran, dass er, Rolf, „der Allerbeste von uns“ war. In einem späteren Flashback sehen wir, wie Rolfs Antagonist bei einem Massaker in einem Dorf von seinen Kameraden kleine Kinder in die Luft werfen lässt, um sie dann in der Luft abzuschießen. Das ist sicher der Gipfel oder der Tiefpunkt, den die Welt in ROLF erreicht. Rolf will da nicht mehr mitmachen, rettet im Vorbeigehen ein paar Dorfbewohner und möchte aussteigen. Eine Affekthandlung des „Besten von uns“? Die Kinder-Wurf-und-Abschieß-Szene ist selbstverständlich infam, völlig geschmacklos, unerträglich – vielleicht die perfekte Darstellungsform für infame, geschmacklose und unerträgliche Gewalttaten, auch wenn viele Filmzensurbehörden dieser Welt (ich denke naheliegender Weise an eine bestimmte Institution mit Sitz in Wiesbaden) Gewalt lieber in „geschmackvoller“ und „nicht grausamer“ Weise dargestellt mögen.
In dieser Szene könnte man die Frage stellen, ob Exploitationfilme alles dürfen? Sicher ist, dass ROLF ein Film ist, der keinen Spaß macht. Er ist kein Unterhaltungsfilm. Er ist schroff, absichtlich hässlich, will abstossen. Als möglicher Vergleich fiele mir James Glickenhaus‘ THE EXTERMINATOR ein: ein ähnlich monströser, hässlicher, qualvoll langsamer, dezidiert „anti-unterhaltsamer“ und absolut merkwürdiger Abgrund von einem Film. Wer sich an den Gewalttätigkeiten in ROLF ergötzt, stellt nicht so sehr das Funktionieren der Filmzensurbehörden als das Funktionieren von Wertevermittlung in Schule, auf Arbeit, in der Familie, in der Gesellschaft (bzw. seine eigene geistige Gesundheit)in Frage. ROLF ist ein kranker Film über die kranke Seite der Menschheit, und er macht das, was kranke Organismen bisweilen tun: alles auskotzen. Dominik Grafs und Hans Schmids These, wonach der italienische Genrefilm die Niederträchtigkeiten des Zweiten Weltkriegs auskotzte, scheint mir bei ROLF noch mehr zuzutreffen als beispielsweise bei Sergio Martinos Gialli. Die Kinder-Wurf-und-Abschieß-Szene wirkt im Lichte italienischer Kolonialverbrechen noch mal doppelt so bitter.
Ich könnte noch vieles über ROLF schreiben. Über unvergessliche Szenen. Über einen Held, der in einem prolligen Sakko mit zurückgezogenen Ärmeln zusammen mit seiner Freundin durch eine arabische Marktgasse spaziert, um seinen Dämonen zu entkommen. Über derangierte Ex-Kämpfer, die zum Kampfeinsatz im Wald als einzigen Proviant eine Feldflasche voll Kokain mitnehmen. Über diese Bildkompositionen, die Rolf und Joanna miteinander in einem Bild vereinen, aber dabei dennoch schmerzhaft trennen. Über gruselige, unvergessliche Weitwinkelbilder der verschwitzt-lüsternen Vergewaltigergesichter. Über unfassbare, pathetisch-schmalzige Disco-Scores. Über erfrischende Duschen unter einem Wasserfall, die die Schuld doch niemals wegwaschen werden.
ROLF ist, vielleicht dicht gefolgt von ARCANA, zweifelsohne der schwierigste Film des Festivals.


ab etwa 00.30/1.00 Uhr – im Hotel

Es gab einmal eine Zeit, da war Samstag Abend bzw. Nacht die Zeit, wo auf RTL oder RTL2 oder SAT1 oder ProSieben irgendwelche B-Actionfilme mit wenig Ansehen, aber manchmal recht hohem Interesse liefen. Auf VOX liefen um die Zeit dann meist Soft-Erotikfilme – manchmal sogar italienische. Wie gut hätte das als Tagesabschluss gepasst, um von ROLF wieder ein wenig herunterzukommen. Aber nein: heutzutage laufen auf besagten Kanälen um die Zeit diese fürchterlichen „Qualitätsserien“. Das einzige leicht genre-ig bzw. exploitig angehauchte, was ich fand, war der Showdown von DR. NO (den ich unter den James-Bond-Filmen eh nicht so mag) auf ARD. Doch die HD-Auflösung war dermaßen absurd totgefiltert, dass das aussah, als würden Sean Connery und Ursula Andress durch eine vorabendliche Telenovella hopsen. Nach einigem erfolglosen Herumprobieren an der Bildeinstellung habe ich es dann aufgegeben. Selbst das Fernsehen ist gentrifiziert. Deprimierend...


Sonntag, 30. Juli

ab etwa 11.00/11.30 Uhr

Ich fühle mich hundeelend. Ein bisschen wie Rolf gegen Ende des Films, bloß ohne das erhabene Gefühl, ein christlicher Märtyrer zu sein. Die Halsschmerzen, die sich gestern Nachmittag angekündigt haben und gegen Abend fest eingenistet haben, sind noch stärker geworden – zusammen mit Kopfschmerzen und einem allgemein fiebrigen Gefühl. Und dann kommt auch noch diese fürchterliche Sommerhitze hinzu (die gefühlt jeder Mensch auf der Welt außer ich unglaublich großartig findet)...
Frühstücken... In einer Bäckerei bestelle ich einen Milchkaffee zum Mitnehmen, dazu ein Schoko-Croissant. Von der Verkäuferin folgt das obligate „Kommt noch etwas dazu?“. Hhm... ja, warum denn nicht: „Ein Milchbrötchen mit Schokolade?“. Die Verkäuferin bricht in ein kurzes, herzliches Lachen aus. Freut sie sich, dass ich nach den basischen Komponenten eines Frühstücks noch eine Schlemmerei dazu nehme? Egal, ich fühle mich ein bisschen besser. Das war eben wie in kurzer Moment in einem Film, wo die Zeit einfach mal kurz stehen bleibt.
Auf der Straße begegnet mir später eine Gruppe von Co-Zuschauern (darunter einer der Ankündiger/Filmeinführer), und sie alle grüßen mich. Haben die schüchterne Figur wieder erkannt, die sich immer etwas geduckt am Rand aufhält, aber bei jedem Film da war. Ja, jetzt ist die Welt wieder ein bisschen in Ordnung.


ab 13.00 Uhr

IL MAGNIFICO AVVENTURIERO (Mit Faust und Degen)
Regie: Riccardo Freda
Italien / Frankreich / Spanien 1963, 92 MInuten (deutsche Fassung)
Der Künstler Benvenuto Cellini (Brett Halsey) treibt sich durch die italienische Renaissance und malt, erschafft Skulpturen, beklaut Konkurrenten, macht schönen Frauen (Claudia Mori, Françoise Fabian) schöne Augen, prügelt sich, kämpft wacker im Namen des Papstes (Bernard Blier), fälscht Münzen und erlebt überhaupt viele Abenteuer.
So ein Schlingel aber auch, dieser Cellini! Alles, was bei dem ähnlich gelagerten, nämlich „familienfreundlichen“ und „leichten“ Abenteuerfilm LA RIVOLTA DEI SETTE formelhaft wirkte, ist es bei IL MAGNIFICO AVVENTURIERO im Grunde genommen genau so. Doch hier kommt dann dieses Quäntchen Inspiration hinzu, das aus schmalzig frisierten Beaus richtige Helden, aus gestelltem Gerangel mitreissende Kampfszenen, aus gestelzten Dialogen zwischen männlichen und weiblichen Figuren witzige kleine Screwball-Vignetten, aus augenscheinlichen Pappmaché-Kulissen prunkvolle Fürstenhallen oder urige Wirtsstuben, aus Witzen auf Schulbub-Niveau krachende Schenkelklopfer und aus einem total fadenscheinigen (Nicht-)Drehbuch einen fetzigen audiovisuellen Flow macht. IL MAGNIFICO AVVENTURIERO macht zumindest in der ersten Stunde auch alles richtig, damit man als Zuschauer wirklich einen Riesengaudi hat. In der letzten halben Stunde hing der Film etwas durch – vielleicht hing ich persönlich auch etwas durch. Aber wenn Cellini am Schluss seinen „Perseus“ in eine Tonform gießt und schließlich abklopft, fühlt sich das wie eine kleine persönliche Renaissance an: man fühlt sich so erfrischt wie wiedergeboren.



ab 16.15 Uhr

LA FINE DELL‘INNOCENZA (Das Ende der Unschuld / Annie Belle – Zur Liebe geboren)
Regie: Massimo Dallamano
Italien / UK 1976, 86 Minuten (deutsche Fassung)
Die Internatsschülerin Annie Belle reist mit ihrem Vater Michael nach Hongkong. Dort merkt der Zuschauer, dass Michael nicht ihr biologischer Vater, sondern ihr „Sugar Daddy“ ist. Während der ältere Herr wegen eines Devisenbetrugs in den Knast landet, vergnügt sich Annie Belle mit verschiedenen europäischen Bekanntschaften beiderlei Geschlechts, dann mit dem Stuntman Chen, begegnet einer Mönchin und sucht nach sich selbst.
Eine klassische Coming-of-Age-Geschichte mit ganz viel Coming und, da Daddy Michael recht schnell aus dem Film verschwindet, wenig Age. Die Geschichte einer jungen Frau, die nach und nach entdeckt, dass die Welt wesentlich komplexer ist, als sie den Anschein hat. Zumindest am Anfang weiß sie, dass „Daddy“ nicht wirklich „Daddy“, sondern eben „Sugar Daddy“ ist. Dann muss sie auf die harte Weise lernen, dass Angelo und Linda, das wohlhabende Traumpaar, das sie empfängt, keineswegs so traumhaft ist. Hinter der gutbürgerlichen Fassade steckt in Angelo ein manipulativer Vergewaltiger, während Linda schließlich so besitzergreifend wird, wie es Michael nie war. Der idealistische Künstler Philip täuscht ihr die Liebe seines Lebens vor, und verkauft sie dann nach einigen Tagen idyllischer Liebe innerhalb von 30 Sekunden für ein bisschen Geld an Angelo. Der Stuntman Chen mag mit seinem Motorrad wie ein Draufgänger wirken, doch wenn es in der Spielhölle brenzlig wird, rennt er auch schnell davon und ist ansonsten ein Muttersöhnchen, der sich auf dem Hausboot von seinen Eltern bekochen lässt. Die mysteriöse, erotische Mönchin wirkt aus der Ferne sehr mysteriös und erotisch – aber letztendlich hat sie für Annie auch nur Glückskeksweisheiten parat. Die wahrscheinlich größte Wandlung macht wohl tatsächlich Michael durch, wenn er am Schluss erkennt, dass er Annie verloren hat, dass sie das Recht auf ihr eigenes Leben hat, dass sie alleine weiterziehen muss.
Trotz einiger Ruppigkeiten ist LA FINE DELL‘INNOCENZA ein Film, der ein bisschen wie seine Heldin voller Neugier und einer gewissen Naivität die Welt entdeckt. So, wie Annie von einer Etappe zur nächsten läuft und positive wie negative Erfahrungen sammelt, sammelt Dallamanos Emmanuelle-ploitation-Film unvergessliche Momente. Die zwei älteren Damen, die in der Kunstgallerie im Angesicht einer phallisch geformten Plastik Philips staunen. Annie und die Mönchin, die nackt durch das Wasser waten, ihre Kleidung schützend über den Kopf haltend – und später (freilich ganz sexlos) zusammen in einer Hütte übernachten, die so dermaßen offensichtlich als Käfig inszeniert wird (warum, ist mir allerdings bis heute unklar – würden die italienischen Dialoge hier einen Bezug herstellen?). Und natürlich die (das behaupte ich jetzt mal so) wahnwitzigste Montage aus wildem Sex im Pferdestall und Eisschlecken, das im italienischen Kino der 1970er Jahre zu sehen war – und wenn es die tatsächlich anderswo gibt: dort sieht man danach bestimmt keine drei, vier, fünf ausgeleckte Eiswaffeln in einem Aschenbecher liegen.
Wie so viele Filme bei diesem Festival ist LA FINE DELL‘INNOCENZA nicht nur toll fotografiert, sondern hört sich auch großartig an. Das Trio aus Fabio Frizzi, Franco Bixio und Vince Tempera hat ganze Arbeit geleistet: der Score ist nicht nur eine tolle musikalische Untermalung der Bilder, sondern wird auch immer wieder dramaturgisch genutzt, um etwa die Mönchin (ob sie jetzt auf der Leinwand zu sehen oder nur in Annies Gedanken zu spüren ist) mit einem eigenen Motiv einzuführen. Wer reinhören möchte: hier gibt es den Titel-Song, und hier das Titel-Motiv in instrumentaler Version.

ab ca. 18.00 Uhr

Essenszeit! Nach dieser fernöstlich angehauchten Delikatesse war es eigentlich klar, was es nun geben musste: etwas Asiatisches. Deshalb ging ich auch schnurstracks zu dem ersten asiatischen Imbiss, der in der Schweizer Straße beim Filmmuseum zu finden war. Meine Bestellung ist schon aufgegeben, ist sitze draußen an einem Tisch am Rand des Bürgersteigs – und da kommen schon die nächsten Co-Zuschauer, denen LA FINE DELL‘INNOCENZA Lust auf asiatische Köstlichkeiten gemacht hat. Der Platz war begrenzt und deshalb setzten sich drei von ihnen zu mir an den Tisch (einige andere Co-Zuschauer des Festivals fanden drinnen Platz und bekamen hoffentlich auch ein gutes Essen). Nachdem ich mich vorstelle („Hallo, ich heiße David, ich komme aus Jena und ich bin filmsüchtig“) lerne ich also Sano Cestnik, Sven Safarow und dessen Freundin (die ich hier nicht namentlich nenne, weil sie sich als „nicht filmsüchtig“ outete und vielleicht im Rahmen der deutschsprachigen Film-Blogosphäre lieber anonym bleiben möchte?) auch persönlich kennen. Als ich mich dann auch als permanenter Gastautor von „Whoknows Presents“ vorstellte, gab es bei Sano und Sven wohl den gleichen „Aha, das ist diese Person also in live“-Effekt wie bei mir in den letzten Festivaltagen. Bei rotem Thai-Curry, Hähnchenspießen in Erdnuss-Sauce, Frühlingsröllchen und einer Suppe sprachen wir über LA FINE DELL‘INNOCENZA (über die Entwicklung der Figur Michaels), ROLF (über die Bedeutung der Blutegel), LA SPOSINA (über das dem Film zugrunde liegende Gesellschafts- und Weltbild), INGRID SULLA STRADA (über die Bedeutung der satirischen oder/und der vielleicht unfreiwillig komischen Momente), über Lucio Fulcis vielfältiges Schaffen, über Mario Siciliano, über Massenverbrechen, Verdrängung und das Weiterleben mit und unter Tätern. Sowohl Sano (der ROLF einführte) wie auch Sven (der UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA einführte) meinten, dass die vierte die bislang „härteste“ Terza-Visione-Ausgabe sei: weniger „unschuldige“ Filme, mehr „harte Autorenfilme“.
Irgendwann zwischendurch merkte ich, dass die Halsschmerzen und Kopfschmerzen, die mich zur Mittagszeit fast in den Wahnsinn trieben, vorbei waren. Merke: Filme und Filmgespräche sind also gut für die Gesundheit!



ab 20.00 Uhr

LA NOTTE DEI SERPENTI (Die Nacht der Schlangen)
Regie: Giulio Petroni
Italien 1969, 107 Minuten
In einem mexikanischen Dorf planen einige Notabeln unter der Führung des korrupten Sheriffs Hernandez (Luigi Pistilli) einen Mord, um eine Erbschaft zu erschleichen. Der heruntergekommene, versoffene und verlachte Gringo Luke (Luke Askew) wird damit beauftragt – mit dem Hintergedanken, ihn hinterher wieder loszuwerden. Als Luke sein Mordopfer erblickt, macht er einen Rückzieher, wird wieder nüchtern und wendet sich gegen die Intriganten.
Oh, du zarte, bittersüße Melancholie!
Der Regisseur Till Kleinert (DER SAMURAI) führte LA NOTTE DEI SERPENTI in einem überaus schönen, stellenweise fast poetischen Beitrag ein, und wies darauf hin, auf einige Details genau zu achten: so unter anderem etwa darauf, dass viele Menschen in diesem Film „aus Versehen“ getötet werden, weil offenbar der menschliche Körper zu zart für diese harte Wüstenlandschaft sei; darauf, dass der Held (Luke) eine eigene Melodie hat, die seine Zerbrechlichkeit, seine Verletztheit und Verletzlichkeit, seine Trauer ausdrückt; darauf, wie sich die Beziehung zwischen der Bordellbetreiberin Dolores und dem Sakristan Jesus-Maria als quasi unabhängiger kleiner Nebenplot entwickelt (beide Cousins – und Teilnehmer der Intrige). Kleinert wies von sich, ein Spezialist des Italowestern zu sein, aber auf seine überaus wertvollen Beobachtungen muss ich noch zu sprechen kommen.
Zunächst ist da das Nichts! Die erste Hälfte von LA NOTTE DEI SERPENTI ist Stillstand, Gelähmtheit, endloser Fatalismus und viel, viel, viel Melancholie. Tatsächlich ist der Film extrem gut und ökonomisch erzählt, weil er kleine Informationsfetzen zur gesponnenen Intrige nach und nach enthüllt. Aber passieren tut erst einmal wenig. Natürlich: Hernandez tut sich mit einem Banditen am Rande der Stadt zusammen und fordert von den Teilnehmern der Intrige, die er eigentlich zunächst nur aufdeckt, Schutzgeld. Ja, der Held wird herumgeschubst und landet bei einer alleinerziehenden Schamanin. Ja, Dolores und Jesus-Maria zanken sich rum. Aber alles schwelgt zunächst in dieser lähmenden Melancholie, die dieses halbtote Kaff am scheinbaren Ende einer verdammt trostlosen Welt im Würgegriff festhält. So konsequent antiklimaktisch dürfte kaum ein Film sein, der in den 1960er Jahren als Western vermarktet wurde. 
Das widerspiegelt nicht zuletzt den Helden. Luke ist der Al Roberts des Italowesterns (Al Roberts: der Protagonist des ultra-fatalistischen film-noir-Schmuckstücks DETOUR) – bloß noch wesentlich betrunkener, viel schweigsamer, lethargischer und mit schlimmeren Verbrechen auf dem Kerbholz. Hier wird Luke nicht in einem heruntergekommenen Café angeschnauzt, sondern aus einer Hängematte geworfen und dazu gezwungen, für ein bisschen Tequila die Stiefel des örtlichen Schlägers zu putzen – um schließlich eine Trinkflasche voller Pisse zu bekommen und dann verprügelt zu werden, als er ausspuckt. Luke, der uns mit einer sanften, Gitarrenballade als großer Verletzter präsentiert wird, bewegt sich in der ersten Filmhälfte nur, wenn er von anderen geschubst wird oder Alkohol in Aussicht ist. Ansonsten liegt, döst, lümmelt er sturzbetrunken oder schwerverkatert herum. Der Film tut es ihm im Grunde gleich. Es ist in der ersten Hälfte sehr schwer, in LA NOTTE DEI SERPENTI einen Western zu erkennen – es ist eher ein Melodrama im Snooze-Modus.
Ein gewaltiger Ruck geht durch Luke, als er merkt, dass er Manuel, den etwa zehnjährigen Sohn (bzw. Adoptivsohn) der Schamanin töten soll, die ihm Unterkunft gewährt hat. Den Auftrag hat er nicht für Geld, nicht mal für Alkohol, sondern deshalb akzeptiert, damit er selbst nicht getötet wird (und wurde diesbezüglich selbst reingelegt). Luke wacht auf: er schwört Nüchternheit, zieht seine alte Revolverheld-Pistole wieder an, tauscht seinen zerlöcherten Sombrero gegen seinen alten Revolverheld-Hut ein (die stark lädierten Sandalen, die er anfangs trägt, trägt er bis zum Schluss – wahrscheinlich hat er seine Revolverheld-Stiefel irgendwann einmal gegen Tequila eingetauscht). Mit ihm wacht der ganze Film auf: Lukes sanft gezupftes, leise melancholisches Motiv ertönt nun mit einer lauten, Italowestern-typischen Elektrogitarre voller Pathos (der Credit für den wunderbaren Score geht hier an Riz Ortolani). Die Szene, in der Luke sein altes Revolverheld-Kit zu dieser Musik anzieht, ausprobiert, schließlich Manuel die Fuselflasche rausbringen lässt, um sie dann zielsicher (betrunken konnte er vorher kaum gerade schießen) abzuknallen, war ohne Zweifel der ganz große emotionale Höhepunkt des Festivals. Die geradezu plumpe Symbolhaftigkeit des ganzen war fast zu viel des Guten, aber wie heißt es so schön: „too much of a good thing can be wonderful“. Ein Teil des Publikums brach in spontanen Applaus aus, als Luke die Flasche kaputt schoss. Die Szene gibt es hier zu sehen (und immer wieder zu sehen).
Mit Luke „erwacht“ auch der komplette Film und verwandelt sich in einen echten Italowestern mit Shootouts, Explosionen, Duells. Nach der bittersüßen Melancholie ist das fast schon ein bisschen schade, aber es ist auch höchst konsequent. Nationsgründung und -werdung, Frontier-Mythen, Zivilisierung des Westens – all das spielt keine Rolle in LA NOTTE DEI SERPENTI. Giulio Petroni erschafft, ja „erfindet“ quasi das Genre „neu“ aus einer Atmosphäre existentieller Melancholie heraus, die mit typischen Westernmotiven erst einmal nicht viel zu tun hat.
Der Punkt mit dem versehentlichen Töten, den Till Kleinert angesprochen hat, ist noch mal eine Erwähnung wert. In LA NOTTE DEI SERPENTI werden tatsächlich mindestens vier Personen „aus Versehen“ getötet. Ein Postkutscher wird gleich in der ersten Minute des Films so geohrfeigt, dass er mit seinem Kopf unglücklich an seine Nachtkommode stößt. Luke schlägt einen der Intriganten, offensichtlich ohne Absicht, ihn zu töten, aber einer der Schläge tötet ihn schließlich. Jesus-Maria schließlich erschlägt oder erwürgt Dolores offenbar im Affekt (man sieht aber die Todesursache nicht). Und schließlich hat Luke auch in seiner Vergangenheit einen Menschen „aus Versehen“ getötet. Hitchcocks Postulat aus TORN CURTAIN, nämlich dass es unfassbar schwer ist, mit bloßen Händen einen Menschen zu ermorden, wird hier in sein Gegenteil verkehrt: Menschen sterben wie die Fliegen, obwohl oftmals nicht mal eine Tötungsabsicht vorhanden ist. Hier wäre neben der existentiellen Verzweiflung der Hauptfigur wieder ein Bezug zu DETOUR, wo der Protagonist Al Roberts – wohlgemerkt in seiner eigenen, subjektiven Erzählung – „aus Versehen“ zwei Menschen tötet. Vielleicht hat LA NOTTE DEI SERPENTI hier ein ganz anderes Verhältnis zu Gewalt als andere Italowesterns. Zumindest aus den Leone-Westerns fällt einem dieses Bild ein: jemand wird verprügelt, gefoltert oder kaltblütig ermordet und irgendeine Figur (nicht unbedingt der Täter, sondern vielleicht ein Zuschauer aus der Täterbande) quittiert das mit einem sadistischen Lachen. In Petronis Film hat niemand Spaß an Gewalt. Nachdem Luke sich geweigert hat, den jungen Erben Manuel zu ermorden, wird der Tavernenbesitzer von Hernandez mit der Aufgabe betraut. Dem wird bei dem Gedanken, seinen jungen Helfer (Manuel hilft bei ihm Saubermachen in der Taverne) zu töten, ganz mulmig. Er zögert lange, schiebt das ganze auf, schließlich lockt er den Jungen unter fadenscheinigen Argumenten zur Pferdetränke und versucht ihn darin zu ertränken. Dabei weint der Wirt bittere Tränen. Als Luke ihn erwischt und erschiesst, um Manuel zu retten, könnte man fast Erleichterung in seinem Gesicht sehen. Ein Gewalttäter mit sadistischem Lachen oder mit melancholischem Weinen – letzteres ist vielleicht noch wesentlich unerträglicher anzusehen.
Ich habe jetzt schon eine ganze Menge zu LA NOTTE DEI SERPENTI, dem besten Film des diesjährigen Terza Visione geschrieben, aber wir müssen auch mal bald weitermachen mit dem telepathischen Insektenmädchen. Nur so viel: nach einer extrem ernüchternden Wiedersichtung von Leones PER UN PUGNO DI DOLLARI im Mai dieses Jahres hatte ich Italowesterns in der Liste meiner Sichtungsinteressen etwas heruntergestuft. Jetzt weiß ich: man muss jenseits der drei großen Sergios (Leone, Corbucci, Sollima) nur das Richtige finden. Und genau das hat das Orga-Team des Terza Visione auch getan. Dafür ein großes Dankeschön!
P.S.: Habe ich schon erwähnt, wie großartig Luke Askew als Luke eigentlich ist?



ab 22.30 Uhr

PHENOMENA
Regie: Dario Argento
Italien 1985, 107 Minuten
Irgendwo in den Schweizer Bergen bringt ein irrer Serienmörder junge Teenager-Mädchen um. Die junge Amerikanerin Jennifer (Jennifer Connelly) wird in ein Internat in Tatortnähe untergebracht. Sie ist Schlafwandlerin und kann telepathisch mit Insekten kommunizieren. Von dem Entomologen McGregor (Donald Pleasance) ermutigt bricht das Mädchen zusammen mit einer Leichenfliege auf, um den Mörder zu finden.
Mein erster Argento auf großer Leinwand. Vielleicht hatte ich zu große Erwartungen, aber die ultimative Epiphanie war das nicht. PHENOMENA ist nicht PROFONDO ROSSO, oder SUSPIRIA, oder OPERA. Aber vielleicht hatte Terza Visione bis zu diesem Zeitpunkt schon im positiven Sinne zu sehr auf mich abgefärbt. Die Vergleichsebene war ja nicht „mittelmäßiger Allerlei-Film digital auf Leinwand/DVD-Sichtung VS. Argento auf großer Leinwand“, sondern „tolle Filmauswahl in 35mm auf großer Leinwand UND zusätzlich Argento auf großer Leinwand“. Als Kino-Erlebnis haben mich der Bava und der Fulci und der Questi und der Petroni mehr beeindruckt.
Was aber für Terza Visione insgesamt gilt, trifft auch auf PHENOMENA zu: wenn ich jammere, dann ausschließlich auf hohem Niveau. Da ich gerade beim Jammern bin: PHENOMENA gilt bisweilen als Argentos Insektentelepathiequatsch-Film und deshalb für manche als der Beginn vom Ende in Argentos Filmografie. Ich hätte mir im Gegenteil noch mehr Insektentelepathiequatsch in diesem Film gewünscht. Weniger Mördersuche und mehr Szenen der Liebe und der Zärtlichkeit zwischen Jennifer und den Insekten. Aber das ist wie gesagt Jammern auf hohem Niveau.
Anderswo wird PHENOMENA als emotionaler und zärtlicher als die bekannteren Argento-Filme bezeichnet (hier etwa in der tollen Besprechung von Oliver Nöding) bzw. als Film, in dem Argento schon rein sozialgeografisch seine Komfortzone verlässt (hier in der Besprechung von André Malberg, der wahrscheinlich auch bei der Vorführung anwesend war, bei Eskalierende Träume). Dazu vielleicht eins von mir: PHENOMENA enthält die wahrscheinlich gewalttätigste Szene in Argentos mir bislang bekanntem Werk. Es ist der Moment, wo Jennifer merkt, dass in ihrem Zimmer geschnuppert wird, ihre Briefe durchgelesen werden, alle „Indizien“ willkürlich gegen sie verwendet werden, die autoritäre Obrigkeit des Internats und ihre verständnislosen, gemeinen Mitschülerinnen eine unheilvolle Allianz gegen sie gebildet haben. Als sie wegläuft, rennen ihr Mitschülerinnen nach und werfen ihr (verbal und gar auch physisch) Sachen an den Kopf. Nun, hier werden nicht in ultra-stilisierter, hyper-ästhetisierter und formalistischer Weise Körper mit spitzen Gegenständen zerstört, sondern auf vergleichsweise nüchterne, triviale Weise eine Seele angegriffen. Das ist qualvoller anzusehen. In nur wenigen Minuten und einfachen, unvergesslichen Bildern hält der von einigen gerne als weltfremder und gefühlloser Formalist geschmähte Argento die Essenz von Schüler-Mobbing emotional ergreifender und lebensnaher fest als ich es bislang je anderswo in künstlerischer Form erlebt habe – ohne das ganze dabei im eigentlichen Sinne überhaupt zu „thematisieren“. Wie präzise er dabei auch zeigt, dass diese verfluchten Lehrer selbstverständlich auf Seiten der Mehrheit sind, und das Gefühl der Erniedrigung und Isolation, die die Opfer haben, perverserweise zu deren Ungunsten instrumentalisieren, weil das so verdammt bequem ist. Nur eine kurze Nebenszene (zugegeben: mit kleinem Vorlauf)! In einem Argento-Giallo mit Insektentelepathiequatsch! Vielleicht zeigt dieser Moment mehr als alles, wie großartig Argento ist.
Als ob das schon nicht genug wäre, findet das ganze noch einen Ausgang in der großen, wunderbaren Insektenbeschwörung. Jennifer, sichtlich wieder vollkommen souverän, hell erleuchtet, mit einem frischen Wind, der ihr die Haare aus dem Gesicht weht, sagt „I love you!“. Sie sagt es zu den Insekten, aber natürlich wirkt es nach den Niederträchtigkeiten, die sie eben erlebt hat, auch wie die Manifestation eines fast übermenschlichen Vergebungswillens. Toll! (hier der letzte Teil dieser Szene)


Mit dem Dritten sieht man besser

Einer der Filmvorführer des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt soll die Organisatoren nach einem Test im Angesicht von ROLF gefragt haben, ob sie denn überhaupt keine „Untergrenze“ hätten. Oh, doch! Die Qualitäts-„Untergrenze“ war ziemlich hoch. Ich glaube, dass viele viele viele Dutzende Menschen das gleiche sagen können wie ich: das 4. Terza-Visione-Festival des italienischen Genrefilms war eine richtig schöne Veranstaltung mit einem extrem gut zusammengestellten Programm.

Gefehlt hat vielleicht ein Piratenfilm... Es war das erste Terza-Visione-Festival, das nicht im Nürnberger Komm-Kino, der Heimbasis der Eskalierenden Träumer und Freunde, stattfand, sondern im Deutschen Filmmuseum – und irgendwie werde ich das Bild nicht los, dass Abenteurer der abseitigen Filmkultur einen Panzerkreuzer der offiziösen deutschen Filmmarine gekapert haben. Ein Marsch durch die Institutionen, bei dem nicht die Eskalierenden Träumer sich institutionalisierten, sondern die Institutionen zum Eskalieren und Träumen gebracht wurden. Vielleicht sehe ich das alles zu sehr aus der Perspektive der cinematographisch desertifizierten Region Thüringen, aber wenn Eskalierende Träumer für ein komplettes Wochenende entscheiden können, was in einem offiziell-offiziösen Deutschen Filmmuseum im Programm lief und damit auch noch so durchschlagenden Erfolg hatten, dann gibt es doch Hoffnung für die Filmkultur in Deutschland. Weiter so!


Persönliches Ranking

Ganz ganz groß

LA NOTTE DEI SERPENTI

ROLF

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA

ARCANA


Herausragend

UN UOMO DA RISPETTARE

PHENOMENA

DIABOLIK

LA FINE DELL‘INNOCENZA


Sehr gut

IL MAGNIFICO AVVENTURIERO


Ganz okay

INGRID SULLA STRADA

CHI È SENZA PECCATO...

LA SPOSINA


Geht so

LA RIVOLTA DEI SETTE


Nicht klassifizierbar – mit großer Vorsicht zu behandeln

SVEZIA INFERNO E PARADISO/SCHWEDEN – HÖLLE ODER PARADIES?

Samstag, 5. August 2017

Ritter Eisenstein erstürmt La Sarraz

Der erste Internationale Kongress des Unabhängigen Films, 1929 in der Schweiz

Es gibt ein Foto, das Sergej M. Eisenstein (nicht besonders gut erkennbar) zeigt, wie er im Stil eines Ritters von der traurigen Gestalt auf einem Gestell sitzt, vor sich auf dem Boden den Brustharnisch einer Rüstung. Auf dem Kopf trägt Eisenstein einen Ritterhelm mit Straußenfedern, und unter dem Arm hat er eine lange Lanze, an der etwas befestigt ist, das verdächtig nach einer Filmapparatur aussieht. Was hat es damit auf sich? Ist es ein bloßer Jux im Stil des in Mexiko entstandenen Fotos mit dem Peniskaktus? Oder legt Eisenstein eine Rüstung an, um sich bei den Dreharbeiten zu ALEXANDER NEWSKIJ unter sein Riesenheer an Komparsen zu mischen, mit dem er die Ritterschlacht auf dem zugefrorenen Peipussee nachstellt? Etwa im Stil eines Königs oder Feldherrn in einem Shakespeare-Drama, der sich in der Nacht vor der entscheidenden Schlacht inkognito unter seine Soldaten mischt, um die Stimmung zu erkunden?

Nein, natürlich alles Blödsinn. Das Foto entstand 1929 in einem Ort in der Westschweiz, wo Eisenstein am ersten Internationalen Kongress des Unabhängigen Films (Congrès international du cinéma indépendant, CICI) teilnahm. Bei dieser Gelegenheit drehte er mit seinen anwesenden Kollegen als Abwechslung zu den teilweise trockenen Debatten einen kurzen allegorischen Film über den siegreichen Kampf des Avantgardefilms gegen den Kommerzfilm. Dieses Kuriosum ist leider seit 1930 (wo es in Tokio gezeigt wurde) verschollen, aber zum Glück gibt es wenigstens viele Fotos von den Dreharbeiten.

Man erkennt ihn nicht gut, aber es ist Eisenstein als General Don Quijote
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)

DIE ERSTÜRMUNG VON LA SARRAZ / TEMPÊTE SUR LA SARRAZ, auch STURM ÜBER LA SARRAZ und weitere Abwandlungen (alles informelle Titel), KOKUSAI DOKURITSU EIGA KAIGI (Japan)
Schweiz 1929 (verschollen)
Regie: Sergej Eisenstein und (wahrscheinlich) Hans Richter
Darsteller: Teilnehmer des Kongresses

La Sarraz und der Kongress


Im Kanton Waadt (franz. Vaud) liegt ungefähr 15 km nördlich des Genfer Sees das Städtchen La Sarraz, das heute ungefähr 2500 Einwohner hat. Zu den Sehenswürdigkeiten des Orts zählt das Château de La Sarraz, architektonisch mehr eine Burg als ein Schloss. Seinerzeitige Eigentümerin und Bewohnerin des Château war Madame Hélène de Mandrot (1867-1948). Sie entstammte dem Genfer Großbürgertum, und ihr 1920 verstorbener Mann Henry de Mandrot hatte in Texas zusätzlich Geld gemacht und das Château geerbt. Mme de Mandrot war den modernen Künsten zugetan. Sie hatte selbst in Genf, Paris und München Kunst studiert und sich auch als Kunsthandwerkerin betätigt, als sie in Paris lebte. Sie und ihr Mann sammelten nicht nur Kunstwerke, sondern sie betätigten sich auch als Mäzene. 1922 gründete Hélène de Mandrot das Maison des Artistes de La Sarraz als ein Versammlungszentrum. Im Juni 1928 lud sie zum ersten der beiden Kongresse, die ihr bleibenden Nachruhm eintrugen, ins Château: Zum Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM). Der CIAM wurde zu einer festen Organisation, die solche Größen wie Le Corbusier und Walter Gropius zu ihren Mitgliedern zählte. Bis 1959 gab es in wechselnden Städten zehn Nachfolgekongresse, die sich jeweils Fragen der zeitgenössischen Architektur und Stadtplanung widmeten. Damit erwies sich der erste Kongress von 1928 als Ausgangspunkt einer einflussreichen Entwicklung.

Nach diesem Erfolg sollte es nun 1929 beim nächsten größeren Kongress um den "unabhängigen Film" gehen, was in etwa gleichbedeutend mit "Avantgardefilm" verstanden wurde. Die Eingebung zu diesem Thema wird je nach Quelle Robert Aron von der progressiven Pariser Filmzeitschrift Du cinéma (die unmittelbar nach dem Kongress in La Revue du cinéma umbenannt wurde) oder Robert Guye vom Genfer Ciné-Club zugeschrieben. Beide waren schon länger mit Mme de Mandrot bekannt und auch schon mehrfach im Château gewesen, wären also plausible Kandidaten für die Idee zum Kongress. Robert Aron wurde jedenfalls mit der Organisation betraut, anscheinend als Teil eines Komitees, dem außer ihm auch noch u.a. André Gide, Luigi Pirandello und Filippo Tommaso Marinetti angehört haben sollen. In La Sarraz anwesend war dann von diesem Komitee aber nur Aron, der den Vorsitz des Kongresses führte. Der Arbeitsplan wurde aber schon in der Vorbereitungsphase recht detailliert festgelegt, denn er findet sich in den von Aron verschickten Einladungsschreiben (mindestens eines davon, nämlich das an Alberto Sartoris, hat die Zeiten überdauert und kann hier gelesen werden). Neben den Debatten war für die Abende auch die Vorführung aktueller Avantgardefilme vorgesehen. Der Kongress fand schließlich vom 3. bis zum 7. September 1929 im Château von La Sarraz statt.

Die Teilnehmer


Die Teilnehmer des Kongresses setzten sich grob betrachtet aus drei Kategorien zusammen: Filmschaffende aus dem Avantgardesektor, progressive Filmkritiker sowie Gründer und Betreiber von Filmligen, Ciné-Clubs und dergleichen (aber natürlich konnte man auch mehr als nur einer dieser Kategorien angehören). Die Teilnehmer wurden zu nationalen Delegationen zusammengefasst (wobei man auch ein anderes als sein Herkunftsland vertreten konnte), insgesamt waren so elf Länder vertreten, nämlich Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, Spanien, die Sowjetunion und die USA. Die Delegationen bestanden aus folgenden Mitgliedern:

Deutschland
Béla Balázs, Hans Richter, Walter Ruttmann

Frankreich
Robert Aron, Jean George Auriol, Janine Bouissounouse, Alberto Cavalcanti, Léon Moussinac

Großbritannien
Jack Isaacs, Ivor Montagu

Italien
Enrico Prampolini, Alberto Sartoris

Japan
Hiroshi Higo, Moichiro Tsuchiya

Niederlande
Mannus Franken

Österreich
Fritz Rosenfeld

Schweiz
Robert Guye, Arnold Kohler, Alfred Masset, Georg Schmidt

Spanien
Ernesto Giménez Caballero

Sowjetunion
Grigori Alexandrow, Sergej Eisenstein, Eduard Tissé

USA
Montgomery Evans


Eisenstein vor dem Château
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)

Der damals schon bekannte Filmtheoretiker Béla Balázs (1884-1949), wiewohl Ungar, war also Mitglied der deutschen Delegation - er lebte seit 1926 in Berlin und schrieb seine filmtheoretischen Hauptwerke auf Deutsch. Er schrieb auch Drehbücher, u.a. war er an Leni Riefenstahls DAS BLAUE LICHT beteiligt (Riefenstahl prellte ihn aber um sein Honorar dafür). Als Jude und Kommunist emigrierte er nach Moskau, nach Kriegsende kehrte er nach Ungarn zurück. Hans Richter, sein schwedischer Freund und Kollege Viking Eggeling (die beide der Dada-Bewegung angehörten) und Walter Ruttmann (eigentlich Walther Ruttmann, aber seit 1929 ließ er das "h" im Vornamen weg) lieferten sich Anfang der 20er Jahre so etwas wie ein Wettrennen um den ersten deutschen abstrakten Film (das Ruttmann gewann). Eggelings Rollenbilder wie "Horizontal-Vertikal-Messe" (1919) waren direkte Vorläufer davon, und auch Hans Richter (1888-1976) versuchte sich darin, dann arbeiteten er und Eggeling in einem kleinen Ort in Brandenburg an ihrem jeweils ersten Film, wobei sie von zwei Tricktechnikern der UFA unterstützt wurden. Richters RHYTHMUS 21 war in einer vorläufigen Fassung 1921 fertig (worauf der Titel anspielt), aber er arbeitete weiter daran, und unter dem neuen Titel FILM IST RHYTHMUS war er dann 1923 endgültig fertig. Danach drehte Richter etliche dadaistische bis surrealistische Filme, wie VORMITTAGSSPUK (1928). 1933 ging er in die Emigration, ab 1940 war er in den USA. Dort realisierte er von 1944 bis 1947 den surrealen DREAMS THAT MONEY CAN BUY, bei dem Freunde und Kollegen von Richter wie Max Ernst, Fernand Léger, Man Ray und Marcel Duchamp mitwirkten und Teile der Regie übernahmen. Produziert wurde der Film von Richter und Kenneth Macpherson, dem früheren Mitherausgeber von Close Up, mit Geld von Peggy Guggenheim. Viking Eggelings DIAGONAL-SYMPHONIE wurde 1924 fertig, und auch er geriet zu einem Klassiker des abstrakten Films. Wenn Eggeling nicht schon 1925 gestorben wäre, wäre er bestimmt auch nach La Sarraz eingeladen worden. Walter Ruttmann (1887-1941) vollendete sein abstraktes LICHTSPIEL OPUS 1 1921 und kam Richter damit knapp zuvor. OPUS 1 wird gelegentlich als erster abstrakter Film überhaupt bezeichnet (das stimmt allerdings nicht, weil die beiden italienischen Brüder Bruno Corra und Arnaldo Ginna, die dem Futurismus nahestanden, schon um 1910 welche machten - diese sind allerdings verschollen, es existieren nur verbale Beschreibungen). OPUS 1 zeichnet sich (im Gegensatz zu den Filmen von Richter und Eggeling) durch Farbe aus, und es gab auch eine Originalmusik, die Ruttmanns Freund Max Butting komponiert hatte. Es folgten noch drei weitere abstrakte OPUS-Filme, und Ruttmann arbeitete auch an Lotte Reinigers DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED mit, und er steuerte zu Fritz Langs DIE NIBELUNGEN die kurze Falkentraumsequenz bei. Für all diese Projekte hatte Ruttmann einen Tricktisch mit drei horizontalen Glasplatten konstruiert, den er sich patentieren ließ. 1927 folgte sein nächster Streich mit BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSTADT, der klassischen Großstadtsymphonie, die dem Genre den Namen gab. Ruttmann war auch ein Pionier des Tonfilms in Deutschland, und er schuf mit "Weekend" eines der ersten experimentellen Hörspiele, vielleicht das erste überhaupt (aber mit solchen Zuschreibungen muss man ja vorsichtig sein). Und ab 1933 machte er dann Propagandafilme für die Nazis - eine schwer begreifbare Entwicklung. Ruttmanns Tod 1941 verhinderte, dass er sich dazu erklären musste. - Aus Deutschland wurden möglicherweise auch noch Lupu Pick und G.W. Pabst eingeladen, aber falls das wirklich so war, konnten oder wollten sie nicht kommen - sie waren jedenfalls nicht da.

Drei der offiziellen französischen Kongressteilnehmer (sowie zwei Dolmetscher) kamen von der monatlich erscheinenden, progressiven Pariser Filmzeitschrift Du cinéma bzw. La Revue du cinéma, wie sie ab der Ausgabe Nr. 4 im Oktober 1929 hieß, nämlich Aron, Auriol und Bouissounouse. Robert Aron (1895-1975), wie schon erwähnt der Hauptorganisator und Leiter des Kongresses, war Mitherausgeber und Kritiker bei der Zeitschrift. Als Gaston Gallimard, der Verleger des Blatts, Anfang der 30er Jahre die kurzlebige Filmproduktionsgesellschaft Nouvelle société de films (NSF) gründete, war Aron in diesem Zusammenhang an der Produktion von Jean Renoirs MADAME BOVARY beteiligt. Später betätigte sich Aron zeitweise in der Politik sowie als Schriftsteller und Historiker. Für seine Meriten auf diesen Gebieten brachte er es bis zum Mitglied der Académie française und zum Offizier der Ehrenlegion. Jean George Auriol (1907-1950) war Gründer und Herausgeber von Du cinéma/La Revue du cinéma. Mit 22 Jahren war er der jüngste Kongressteilnehmer. In den 30er und 40er Jahren schrieb Auriol auch etliche Drehbücher. La Revue du cinéma stellte 1932 nach 29 Ausgaben ihr Erscheinen ein, von 1946 bis 1949 gab es aber eine Neuauflage mit 20 weiteren Ausgaben, wiederum mit Auriol als Herausgeber. Zu den Mitarbeitern der Zeitschrift in dieser Spätphase zählten André Bazin, Jacques Doniol-Valcroze und Joseph-Marie Lo Duca. Nachdem Auriol 1950 bei einem Autounfall starb, gründeten die genannten drei Mitarbeiter 1951 in seinem Geist eine neue Zeitschrift, die als Cahiers du cinéma in die Geschichte einging. Janine Bouissounouse (1903-1977/78, je nach Quelle), die einzige weibliche Kongressteilnehmerin, war Kritikerin bei Du cinéma/La Revue du cinéma. 1927 wirkte sie als Regieassistentin und Darstellerin bei zwei Filmen von Alberto Cavalcanti mit. Später war sie Romanautorin und Historikerin, teilweise in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Louis Héron de Villefosse. Der Brasilianer Alberto Cavalcanti (1897-1982) lebte und arbeitete in den 20er Jahren in Frankreich, wo er sich seine ersten Lorbeeren als Regisseur erwarb, etwa mit der Pariser Proto-Großstadtsymphonie RIEN QUE LES HEURES von 1926. 1933 ging Cavalcanti nach England, wo er sich der Dokumentarfilmbewegung um John Grierson anschloss und bald eine führende Rolle darin übernahm. Den einen oder anderen Spielfilm drehte er aber auch. Léon Moussinac (1890-1964) war seinerzeit wohl der bekannteste kommunistische Filmkritiker Frankreichs. Neben anderen Blättern schrieb er für die kommunistische Parteizeitung L'Humanité. Arnold Kohler schrieb 1963, dass Moussinac "zu den kultiviertesten Menschen gehörte, die man sich vorstellen kann", und Hans Richter bezeichnete ihn in seinen Memoiren "Köpfe und Hinterköpfe" von 1967 als den "bedeutendsten französischen Filmkritiker jener Tage". Moussinac war auch Organisator diverser Ciné-Clubs, so brachte er etwa 1926 als erster PANZERKREUZER POTEMKIN nach Frankreich. Während der Besatzung war er in der Résistance, und nach dem Krieg leitete er zwei Jahre lang die Pariser Filmhochschule IDHEC. Schon 1927 hatte Moussinac in Moskau Freundschaft mit Eisenstein geschlossen, und nun in La Sarraz sowie in den folgenden Monaten mehrfach in Frankreich konnten die beiden ihre Freundschaft erneuern. Danach blieben sie brieflich in Kontakt. Als etwa Eisenstein einmal aus Kalifornien schrieb, dass in Hollywood alle außer Lubitsch und Sternberg Idioten seien, waren Moussinac und seine Frau die Adressaten. 1964 veröffentlichte Moussinac ein Buch über Eisenstein und seine Freundschaft mit ihm. Mit Béla Balázs und Wsewolod Pudowkin war er auch befreundet.

Der Geist des unabhängigen Films (Janine Bouissounouse)
ist an das finstre Gemäuer des Kommerzfilms gekettet
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Ivor Montagu (1904-1984), als Sohn eines aristokratischen Bankiers in London geboren, war eine äußerst illustre Persönlichkeit. Er hatte Botanik und Zoologie studiert und war ein linker Politiker und Aktivist, zuerst in der British Socialist Party und dann in der Communist Party of Great Britain. 1925 gründete er zusammen mit dem späteren Medienunternehmer Sidney Bernstein und weiteren Mitstreitern die London Film Society, die nicht nur einer der ersten, sondern auch mitgliederstärksten, erfolgreichsten und langlebigsten Filmclubs überhaupt war (wobei später auch der Regisseur Thorold Dickinson als technischer Direktor eine wichtige Rolle spielte). In den 20er und 30er Jahren war Montagu auch wiederholt als Cutter und Produzent im kommerziellen Film tätig, und in diesen Funktionen war er an einigen Filmen von Alfred Hitchcock beteiligt. In derselben Zeit inszenierte er auch selbst einige Kurzfilme. Montagu war auch ein erstklassiger Tischtennisspieler, und 1926 gründete er sowohl den britischen als auch (mit anderen) den Tischtennis-Weltverband, und beiden Verbänden stand er vier Jahrzehnte als Präsident vor. Als ob das alles noch nicht reichen würde, war Montagu möglicherweise auch ein sowjetischer Spion (aber wenn, dann kein bedeutender), während sein älterer Bruder Ewen Montagu gleichzeitig Agent im MI6 war. Ivor Montagu schloss in La Sarraz enge Freundschaft mit Eisenstein, er lud ihn dann nach London in die Film Society ein, und 1930 begleiteten Montagu und seine Frau Eisenstein, Alexandrow und Tissé nach Hollywood. Darüber schrieb er 1968 das Buch "With Eisenstein in Hollywood". Jack Isaacs (1896-1973), eigentlich Jacob Isaacs, war ein frühes und sehr aktives Mitglied der London Film Society, aber er führte ein weit ruhigeres Leben als Montagu, das er der Lehre der englischen Literatur widmete. Zu Isaacs' Spezialgebieten zählten Shakespeare und seine Zeitgenossen sowie englische Literatur des 19. Jahrhunderts. Nach seiner Assistentenzeit in Wales war er in den 20er und 30er Jahren Dozent am King's College in London. Von 1942 bis 1945 war er Professor für Englisch an der Hebräischen Universität in Jerusalem (obwohl er zunächst überhaupt nicht Hebräisch konnte), dann wieder in England, zuletzt als Lehrstuhlinhaber am Queen Mary College in London.

Enrico Prampolini (1894-1956) und Alberto Sartoris (1901-1998) repräsentierten die italienischen Ciné-Clubs. Prampolini, ein Vertreter des Futurismus, war abstrakter Maler sowie Bühnen- und Filmarchitekt. Und ebenso wie der futuristische Vordenker Filippo Tommaso Marinetti, war er ein Anhänger des italienischen Faschismus. Alberto Sartoris war ein italienisch-schweizerischer Architekt (er lebte meist in Genf), und in der ersten Hälfte der 20er Jahre war auch er Mitglied der Futuristen. Er setzte sich zeitlebens für moderne, rationelle Architektur ein und gab 1948-57 eine dreibändige Enzyklopädie zu diesem Thema heraus. Sartoris war auch schon 1928 Teilnehmer des Architekturkongresses in La Sarraz.

Hiroshi Higo und Moichiro Tsuchiya (es kursieren auch andere Schreibweisen der Namen) repräsentierten Japan in La Sarraz. Hiroshi Higo war von der japanischen Liga für den proletarischen Film (Pro-Kino), die 1928 von einem Künstler- und Schriftstellerverband gegründet worden war, der der Kommunistischen Partei Japans nahestand (und 1934 von der Regierung verboten wurde). Higo betrieb auch seit 1927 ein Kino in Tokio, und er verbrachte 1929 längere Zeit in Europa, um das hiesige Filmwesen zu studieren, und um Filmkopien für die Mitnahme nach Japan auszuwählen. Ein Hiroshi Higo taucht 1950 als einer der Produzenten von Yasujiro Ozus DIE SCHWESTERN MUNEKATA auf, aber ich bin nicht sicher, ob es sich um denselben handelt. Moichiro Tsuchiya war Pariser Korrespondent von Kinema Junpo, der ältesten und bedeutendsten japanischen Filmzeitschrift.

Mannus H.K. Franken (1899-1953) ging nach einer Zeit als Filmkritiker in Paris zurück in die Niederlande und drehte einige Kurzfilme, teils allein und teils gemeinsam mit seinem Landsmann Joris Ivens. In Amsterdam und in Rotterdam wurde 1927 je ein Filmclub unter dem Namen "Filmliga" gegründet, woraus die Niederländische Filmliga entstand, in der Franken aktiv war. Später ging er als eine Art filmischer Entwicklungshelfer nach Indonesien. Der österreichische Schriftsteller und Journalist Fritz Rosenfeld (1902-1987), auch unter dem Namen Friedrich Feld bekannt, war Kulturredakteur bei der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung in Wien. Nach dem kurzen Bürgerkrieg im Februar 1934, der den Sieg des Austrofaschismus brachte, ging Rosenfeld/Feld zunächst nach Prag, wo er für die dortige Niederlassung der Paramount arbeitete, 1939 zog er weiter nach England. Er war aber auch schon vorher zumindest zeitweilig dort, denn 1936 war er Zeuge bei den Dreharbeiten zu Friedrich Fehérs THE ROBBER SYMPHONY (worüber er in REQUIEM VOOR EEN FILM berichtet). Nach dem Krieg blieb er in England, und 1948 wurde er britischer Bürger, aber er schrieb dann bis 1956 wieder Filmkritiken für die Arbeiter-Zeitung.

Die Schweiz stellte nach Frankreich die größte Delegation auf dem Kongress. Robert Guye, Arnold Kohler (1899-1991) und Alfred Masset (1903-1969) waren alle vom Ciné club de Genève. Was Guye sonst noch so gemacht hat, ist mir nicht bekannt, aber wie schon erwähnt, könnte er eine der treibenden Kräfte hinter dem Kongress gewesen sein. Arnold Kohler war Kritiker, und Alfred Masset war 1928 Mitgründer der Genfer Produktionsgesellschaft Cinégram, die u.a. eine Wochenschau produzierte, die jahrzehntelang in der Schweiz gezeigt wurde. Der Kunsthistoriker Dr. Georg Schmidt (1896-1965) vom Schweizerischen Werkbund war damals Bibliothekar des Basler Gewerbemuseums, von 1939 bis 1961 dann Direktor des Basler Kunstmuseums. Sein Bruder, der Architekt Hans Schmidt, hatte 1928 am Architekturkongress teilgenommen.

An der Schärpe erkennt man es: Hier kämpft einer der Guten
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Der spanische Schriftsteller und Diplomat Ernesto Giménez Caballero (1899-1988) war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift La Gaceta Literaria in Madrid. Einige Filme hat er auch inszeniert, und in La Sarraz war er als Vertreter des Cine Club Español. Aus mir nicht bekannten Gründen erschien er erst am 5. September, also am dritten Kongresstag. Giménez Caballero war ein Vordenker und prominentes Mitglied der faschistischen Falange, die ein Wegbereiter und Stützpfeiler der Franco-Diktatur wurde. Dafür bekam er dann später einen Posten als Botschafter in Paraguay. Angeblich verfolgte er zeitweise den Plan, Pilar Primo de Rivera, die Schwester des Falange-Gründers, mit Hitler zu verheiraten. Montgomery Evans II (1901-1954) besaß und betrieb 1925/26 das Arthouse-Kino Fifth Avenue Playhouse in Greenwich Village in New York, das dort 1925 an der Stelle eines abgebrannten Theaters eröffnete, und er stellte in dieser Zeit Filmprogramme für die New Yorker Screen Guild zusammen. In Quellen, die sich auf La Sarraz beziehen, wird er auch als Kritiker bezeichnet, aber das dürfte kaum seine Hauptbeschäftigung gewesen sein - die bestand offenbar darin, ein wohlhabender Büchersammler zu sein.

Warum Sergej M. Eisenstein, Grigori Alexandrow und Eduard Tissé 1929/30 in verschiedenen europäischen Ländern herumfuhren, und was sie dann in Hollywood erlebten, habe ich schon in diesem Artikel erzählt und will es hier nicht wiederholen. Trotz der Anwesenheit von Ruttmann und Richter war Eisenstein zweifellos der Star in La Sarraz. Das sahen auch die meisten Teilnehmer so. Janine Bouissounouse etwa erinnerte sich 1977: "Unnötig zu sagen, was für uns, die demütigen Bewunderer des PANZERKREUZER POTEMKIN, diese Begegnung mit dem großen Regisseur bedeutete. Wir erwarteten ihn mit Ungeduld, neugierig auf das, was er uns sagen würde und bedacht auf die Fragen, die wir ihm stellen wollten." Und Arnold Kohler schrieb 1963 in einem Erinnerungstext: "Eisenstein war eine Art mythologischer Halbgott." Auch Hélène de Mandrot war von den drei Russen angetan, vor allem wegen ihrer vorzüglichen Manieren. "Ach, die Bolschewiki, die Bolschewiki - das sind die einzigen Gentlemen" soll sie beim Abschied gesagt haben - so behauptet es jedenfalls Eisenstein in seinen Memoiren "Yo. Ich selbst". Und Kohler im gerade erwähnten Text: "Und so kamen eines Tages nicht drei Schurken mit Verbrechergesicht an, sondern drei gewandte und vornehme Herren. Besonders Eisensteins Manieren waren von ausgesuchter Höflichkeit. Hélène de Mandrot warf uns einen triumphierned-ironischen Blick zu und sagte: 'Sie sind besser erzogen als wir alle!'"

Dabei war Eisenstein nur die Zweitbesetzung. Eigentlich war nämlich Dsiga Wertow, der 1929 einige Zeit in Deutschland verbrachte, als sowjetischer Vertreter eingeladen, und er wollte auch kommen. Doch aus verschiedenen Gründen kam das doch nicht zustande, und so wurde Eisenstein, der erst am 21. August in Berlin angekommen war, von Hans Richter, der auch gerade in Berlin war, kurzfristig nachnominiert. Mit dem Segen der zuständigen Behörden in Moskau versehen, war Eisenstein nun der offizielle sowjetische Delegierte, und Alexandrow und Tissé fuhren auch mit. Doch es gab ein bürokratisches Problem: Die Schweiz unterhielt keine diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion, und deshalb erhielten Sowjetbürger normalerweise keine Visa für die Schweiz. Schon 1928 hatten deshalb El Lissitzky und zwei weitere vorgesehene Delegierte nicht an der CIAM-Konferenz in La Sarraz teilnehmen können, und jetzt erhielten Eisenstein und seine beiden Genossen auch keine regulären Visa. Da kam die Rettung in Person von Lazar Wechsler, der sich gerade anschickte, mit seiner 1924 gegründeten Praesens-Film der führende Produzent des frühen Schweizer Films zu werden. Wechsler war zufällig gerade in Berlin, und als er von Eisensteins Problem hörte, erbot er sich, die drei Russen mit seiner Limousine über die Grenze zu bringen. Über die genauen Umstände des Grenzübertritts kursieren schöne Geschichten. Laut der Eisenstein-Biografin Oksana Bulgakowa gab Wechsler die drei Russen an der Grenze als seine Söhne aus. Das klingt allerdings wenig plausibel, schließlich war Wechsler gerade mal ein bzw. zwei Jahre älter als Tissé und Eisenstein. Ebenfalls bei Bulgakowa findet man die Behauptung, Wechsler habe an der Grenze darauf bestanden, dass sein Auto so etwas wie eine (ziemlich mobile) Immobilie sei, also rollender Privatgrund, und dafür brauche es überhaupt keine Visa. Ob er wirklich mit dieser eigenwilligen Argumentation die Schweizer Grenzer überzeugen konnte, sei dahingestellt, aber jedenfalls schaffte er es irgendwie, die Russen nach La Sarraz zu chauffieren. Sie kamen am 4. September an, dem zweiten Kongresstag.

Auch Auriol gehört zu den Guten - die um den Arm gewickelte Ausgabe
von Du cinéma beweist es. Eine Schreibmaschine wird zum Maschinengewehr
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Wechsler hatte sich als Gegenleistung ausbedungen, dass die drei für ihn einen Film in der Schweiz drehen sollten, der Propaganda gegen die Schweizer Abtreibungsgesetze machen sollte, die damals (wie fast überall in Europa) sehr streng waren. Auch diesen Film, der schließlich unter dem Titel FRAUENNOT - FRAUENGLÜCK realisiert wurde, hätte ursprünglich eigentlich Dsiga Wertow drehen sollen. Nach Ankunft in La Sarraz waren die bürokratischen Hemmnisse noch nicht vorbei. Die Polizei wusste von Anfang an über die Anwesenheit der Russen Bescheid und hätte sie sofort wieder abschieben können. Doch laut Oksana Bulgakowa war der zuständige Kommandeur ein Fan von Eisenstein und erteilte deshalb eine Sondererlaubnis. Laut Arnold Kohler waren allerdings erst hartnäckige Verhandlungen seitens Hélène de Mandrot nötig, die ihre erstklassigen Beziehungen spielen ließ. Aber jedenfalls erhielten die Russen eine Sondergenehmigung, allerdings unter der Auflage, das Gelände des Château nicht zu verlassen. Dagegen verstießen sie aber nach dem Kongress, als sie in Zürich FRAUENNOT - FRAUENGLÜCK drehten (sie wohnten dort bei Wechsler), und Eisenstein ließ es sich auch nicht nehmen, in Zürich den einen oder anderen Vortrag zu halten. Das ging natürlich nicht ohne Aufsehen, und schließlich verloren die Schweizer Behörden die Geduld. Am 18. September wurden die Russen mit sofortiger Wirkung ausgewiesen, und schon am nächsten Tag waren sie wieder in Berlin. Die bürokratischen Schikanen veranlassten einige von Eisensteins Freunden zu ironischen Bemerkungen. Hans Richter etwa schrieb 1967 in "Köpfe und Hinterköpfe": "Die Schweizer Fremdenpolizei, in Besorgnis, was S.M. Eisenstein, dieser weltberühmte Russe, eventuell an Weltrevolutionen anstellen möchte, hatte ihm ausdrücklich verboten, sich auch nur einen Schritt ohne spezielle Erlaubnis von Madame de Mandrots Schloß zu entfernen. Man konnte ja nie wissen?" Noch süffisanter Léon Moussinac in einem Brief an Eisenstein: "Wer weiß, was diese Bolschewiki alles anstellen können! Womöglich stürzen sie die Regierung oder entführen den Genfer See, um ihn ins Asowsche Meer zu gießen."

Neben den offiziellen Delegierten nahmen noch zwei Mitarbeiter von Du cinéma als Dolmetscher teil: André R. Maugé für Englisch und Jean Lenauer für Deutsch. Der in Wien geborene Lenauer (1904-1983) war auch einer der beiden Pariser Korrespondenten von Close Up (sein Bericht über den Kongress erschien in der Ausgabe vom Oktober 1929). 1936 übersiedelte er in die USA, und wenige Jahre vor seinem Tod ging er unter die Schauspieler: In Louis Malles MY DINNER WITH ANDRE spielte er den Kellner. Mit seiner Aufgabe als Übersetzer stieß er jedoch zumindest beim anspruchsvollen Vortrag von Eisenstein über "Nachahmung [in der Kunst] als Beherrschung" (den dieser auf Deutsch hielt) an seine Grenzen, wie Kohler 1963 berichtete: "In weiser Voraussicht hatte Robert Aron für alle Fälle einen jungen Mann mitgebracht, der als Übersetzer dienen sollte. Ach! Besagter junger Mann, der keine Erfahrung in diesem schwierigen Metier besaß und schon gleich zu Beginn den besonders schwierigen Eisenstein dolmetschen sollte, verfiel in ein totales Abracadabra. Nach drei Sätzen stimmten diejenigen, die Deutsch konnten, ein solches Protestgeschrei an, daß der Unglückliche seine Glanzleistung abbrach. Allerdings rächte er sich dafür. In die Enge getrieben, war keiner von uns Germanisten in der Lage, ihn zu ersetzen. So blieb der Vortrag von Eisenstein für zwei Drittel der Kongreßteilnehmer unverständlich."

Am einen oder anderen Kongresstag waren auch Gäste im Château anwesend, die eingeladen wurden oder aus eigenem Antrieb vorbeischauten: Neben Wechsler beispielsweise die Schriftsteller Paul Budry und Charles-Ferdinand Ramuz, der Genfer Maler Gustave François, der Zeichner und Karikaturist Géa Augsbourg und der Werbegrafiker und Maler Pierre Zénobel (1905-96), der ein Vertrauter von Mme de Mandrot war. Zénobels Anwesenheit erwies sich im Nachhinein als wichtig, weil er eine Menge Fotos von den Kongressteilnehmern und insbesondere von den Dreharbeiten zu DIE ERSTÜRMUNG VON LA SARRAZ geschossen hat, die nun, da der Film selbst verschollen ist, wichtige und interessante Dokumente darstellen - hier sind einige davon versammelt, aber es gibt noch viel mehr. Es war aber auch ein professioneller Fotograf anwesend, Jéchiel Feldstein (bzw. Feldstein-Imbert) aus Lausanne (ursprünglich kam er aus Odessa), der einige Gruppenfotos der Teilnehmer anfertigte. Zumindest ein Foto bei den Dreharbeiten (mit Eisenstein, der Auriol instruiert) hat aber auch er geschossen, denn ein Set mit fünf Abzügen wurde 2009 für 1250 € versteigert. Wahrscheinlich haben auch einige der Kongressteilnehmer Fotos geknipst, aber die dürften in alle Winde zerstreut sein. Aber die Fotos von Feldstein und Zénobel, die nach dem Kongress in La Sarraz verblieben, befinden sich heute in der Obhut der Cinémathèque suisse in Lausanne.

Gruppenbild mit Dame


Foto von Jéchiel Feldstein (Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Links stehend Robert Aron; jeweils von links nach rechts: hintere Reihe Jean George Auriol, André R. Maugé, Arnold Kohler, Jack Isaacs, Fritz Rosenfeld, Enrico Prampolini, Montgomery Evans, Moichiro Tsuchiya; mittlere Reihe Ivor Montagu, Alberto Sartoris, Jean Lenauer, Alfred Masset, Robert Guye, Mannus Franken, Georg Schmidt; vordere Reihe Léon Moussinac, Walter Ruttmann, Béla Balázs, Sergej Eisenstein, Hiroshi Higo, Hans Richter; ganz vorne Grigori Alexandrow, Eduard Tissé, Janine Bouissounouse. Es fehlen Alberto Cavalcanti und Ernesto Giménez Caballero. Identifizierung der Abgebildeten nach Roland Cosandey.

Debatten und Ergebnisse


Am ersten Kongresstag erstatteten zunächst die Delegationen Bericht, wie es um den unabhhängigen Film im jeweiligen Land bestellt sei. Positiv war die Situation in den Niederlanden, in der Schweiz und in Großbritannien, wo es erfolgreiche, mitgliederstarke Filmclubs bzw. -ligen gab, und wo man auch wenig oder gar nicht unter Zensur oder Kontingentierung (also Quotenregelungen, was die Einfuhr ausländischer Filme betraf) litt. Auch in den USA zeigte die Entwicklung nach oben, aber für alle anderen Länder wurde die Situation als eher schlecht bis düster dargestellt. Dann ging man ans eigentliche Arbeitsprogramm (das, wie oben schon angedeutet, teilweise schon im Voraus festgelegt war): Es sollte eine unabhängige Produktionsgesellschaft auf genossenschaftlicher Basis gegründet werden, die die Produktion von Avantgardefilmen frei von kommerziellen Zwängen ermöglichen sollte; es sollte eine weitere Organisation ins Leben gerufen werden, die die internationale Distribution unabhängiger Filme gewährleisten sollte; und es sollte die Frage von Zensur und Kontingentierung erörtert werden. Zu diesen Zwecken wurden die Delegierten auf drei Arbeitsgruppen verteilt. Bei den Debatten kam es zu Meinungsverschiedenheiten darüber, was genau eigentlich ein "unabhänhgiger Film" sein soll. Dabei ging es vor allem darum, wie massenkompatibel so ein Film sein kann, darf oder muss. Die Hauptantipoden waren dabei Balázs und Richter. Balázs drängte darauf, dass auch Avantgardefilme ein möglichst großes Publikum erreichen sollten. "Falls das Wort 'unabhängig' die gleiche Bedeutung wie 'abstrakt' bekäme, könne der Kongreß seine Arbeit auch gleich einstellen", so Balázs nach einem Kongressbericht von Mannus Franken. Richter dagegen erklärte den Spielfilm für "überwunden" und meinte, ein Avantgardefilmer müsse nicht die geringste Rücksicht auf den Massengeschmack nehmen. Letztlich konnte man sich bei der Definition von "unabhängiger Film" nur auf eine ziemlich blumige, aber wenig trennscharfe Formel von Aron einigen: "Der unabhängige Film muss sein wie ein Eisenbahnunglück - das heißt, er erklärt sich nicht, er wird gespürt." Balázs hatte übrigens auch Einwände gegen den oben erwähnten Vortrag von Eisenstein (er war einer derjenigen, die ihn verstanden). Eisenstein konstruierte darin einen Gegensatz zwischen dem (oberflächlichen) Erscheinungsbild und dem "Wesen" der Dinge, und er forderte, dass sich filmische Nachahmung auf den zweiten und nicht den ersten Punkt konzentrieren müsse. Balázs hielt diesen konstruierten Gegensatz für eine Illusion. In seinem 1930 erschienenen Buch "Der Geist des Films" ging er darauf ein und bezeichnete Eisenstein diesbezüglich als "rettungslos kantianischen Dualisten". Hans Richter hinwiederum bezeichnete Balázs eine Woche nach dem Kongress in einem Brief an Dsiga Wertow (mit dem er befreundet war) als "Spielfilmreaktionär", und er unterstrich das Wort sogar.

Es gab also ideologischen Streit, aber bei den organisatorischen Aufgaben, die man sich gesetzt hatte, kam man ans Ziel. Es wurde ein internationaler Dachverband der Filmligen und Ciné-Clubs (Ligue Internationale du Film Indépendant) mit (vorläufigem) Sitz in Genf gegründet, der den gegenseitigen, internationalen Austausch von Avantgardefilmen bewerkstelligen sollte. Als Vorbild für Organisationsform und Statuten diente die Niederländische Filmliga und der Ciné club de Genève. Mitgliedsländer waren zunächst Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Spanien, Schweiz und die USA. In den anderen am Kongress teilnehmenden Ländern gab es wohl gar nicht ausreichend Filmclubs, um überhaupt beitreten zu können. Auch die avisierte Produktionsgenossenschaft wurde gegründet, die Coopérative du Film Indépendant, mit Sitz in Paris - allerdings noch nicht mit Kapital ausgestattet, das musste erst aufgetrieben werden. Etwas überrascht hat mich der Teil der Schlussresolution, der sich mit Zensur und Kontingentierung beschäftigt:
1) Neben den Zensurbestimmungen, die für kommerzielle Kinos gelten, soll eine spezielle, weniger strenge Zensurbestimmung eingeführt werden. Diese soll für Kinos und Organisationen gelten, die regelmäßig unabhängige Filme spielen. Das dementsprechend kleinere und ausgewähltere Publikum stellt vom moralischen und politischen Standpunkt her nicht die gleiche Gefahr dar, wie das Publikum der anderen Kinos.

2) Für Filme, die für Vorführungen in Kinos und für spezialisierte Organisationen bestimmt sind, soll sich die Frage der Kontingentierung nicht stellen. Das sehr beschränkte Publikum dieser Kinos kann für die nationale Produktion keine Gefahr darstellen.

3) Aus den gleichen Gründen soll die Billettsteuer für die Filme, die für die gleichen Organisationen oder Kinos bestimmt sind, abgeschafft oder erweitert werden.
Man fordert also Exemtion nur für sich selbst, die Existenz, um nicht zu sagen Notwendigkeit, einer "normalen" Filmzensur wird dagegen anerkannt. Ich hätte eigentlich das Gegenteil erwartet, nämlich die Forderung nach einer allgemeinen Abschaffung oder zumindest Lockerung der Filmzensur.

Die japanische Hilfstruppe des Kommerzfilms (Moichiro Tsuchiya) - am Ende bleibt nur Harakiri
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Nicht alle Delegierten hatten Lust, den stundenlangen Debatten vom Anfang bis zum Ende beizuwohnen. Arnold Kohler schrieb in seinem Text von 1963: "Wenn die Diskussionen unergiebig wurden, sind wir, er [Moussinac] und ich, im Auto auf und davon, um die Landschaft zu erkunden (Romainmôtier wurde von uns bevorzugt). Ein anderes Mal sind wir frühmorgens losgezogen, um Krebse zu fangen ...". Wie schon erwähnt, gab es auch ein Filmprogramm, und La Sarraz wurde damit zu so etwas wie einem frühen Filmfestival, bevor es diesen Begriff überhaupt gab (das erste "richtige" Festival, das von Venedig, fand 1932 zum ersten Mal statt). Das Programm war nach Herkunftsländern der Filme geordnet. Am 3. September waren die USA und Großbritannien auf dem Spielplan, da wurde u.a. THE FALL OF THE HOUSE OF USHER von Watson & Webber, Len Lyes erster Film TUSALAVA, THE LOVE OF ZERO des Exilfranzosen Robert Florey und auch Filme von heute vergessenen Leuten wie der schöne PRELUDE (aka RACHMANINOV'S PRELUDE IN C SHARP MINOR) von Castleton Knight gezeigt. Am 4. September war Holland und Frankreich an der Reihe. Es liefen UN CHIEN ANDALOU von Luis Buñuel & Salvador Dalí, L'ETOILE DE MER von Man Ray, sowie DE BRUG von Joris Ivens und REGEN von Ivens und Mannus Franken. Am 5. war nochmals Frankreich in Gestalt von zwei Filmen Cavalcantis an der Reihe sowie Deutschland mit drei Filmen von Hans Richter und drei kurzen Naturdokumentationen des heute weitgehend vergessenen, aber seinerzeit sehr produktiven Ulrich K.T. Schultz. Am 6. lief JÛJIRO (IM SCHATTEN DES YOSHIWARA) von Teinosuke Kinugasa (der 1926 mit dem famosen expressionistischen EINE SEITE DES WAHNSINNS Aufsehen erregt hatte), es scheint aber nicht klar zu sein, ob er ganz oder nur in Auszügen gezeigt wurde, und es scheint nochmals eine Kompilation französischer Werke gegeben zu haben. Das bisher genannte Programm war den Kongressteilnehmern vorbehalten, aber am 6. September gab es zusätzlich eine öffentliche Vorführung für die Bevölkerung von La Sarraz, in der ein schweizerischer Dokumentarfilm über die RHÔNE, ein Film von Germaine Dulac und nochmals REGEN und DE BRUG sowie die Filme von Schultz gezeigt wurden. Das bisher von mir aufgezählte Programm scheint gesichert zu sein, darüber hinaus listen einige Quellen weitere Filme auf, die gelaufen sein sollen, etwa Eggelings DIAGONAL-SYMPHONIE, Dsiga Wertows EIN SECHSTEL DER ERDE, Eisensteins DIE GENERALLINIE (aka DAS ALTE UND DAS NEUE), Ruttmanns BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSTADT, der surrealistische LA COQUILLE ET LE CLERGYMAN von Germaine Dulac und RIEN QUE LES HEURES von Cavalcanti.

La Sarraz wird erstürmt


Am Vormittag des 5. September hatten die Debatten Pause, denn da wurde ein Film gedreht. "Zur Stunde tagt der Kongress nicht. Der Kongress amüsiert sich" schrieb Eisenstein (vielleicht in Anspielung auf den Wiener Kongress) dazu in seinen Memoiren. Die Idee dazu hatte nach einer Version (die z.B. Montagu in seinem Eisenstein-Buch vertrat) Eisenstein, Hans Richter dagegen schreibt sie sich in "Köpfe und Hinterköpfe" selbst zu, und Georg Schmidt schrieb in einem Text von 1959, dass es ein gemeinsamer Entschluss von ihm, Richter und Eisenstein gewesen sei. Auch bei der Frage, wer Regie führte, gibt es unterschiedliche Versionen. Laut Lenauers Artikel in Close Up war es Eisenstein allein, aber meist wird die Regie Eisenstein und Richter gemeinsam zugeschrieben. "Die Regisseure sind Eisenstein und Hans Richter", hieß es etwa am 1. Oktober in der Zeitschrift Le Cinéma Suisse. Kohler wiederum schrieb 1963, dass Eisenstein, Richter, Ruttmann und Franken jeweils eine Episode des kurzen Films inszeniert hätten. Worum ging es? Der Geist des unabhängigen Films (gespielt von Janine Bouissounouse in einem weißen Nachthemd) ist gefangen in den Klauen des Kommerzfilms, vertreten durch den Kommandanten von dessen Armee (Béla Balázs), Ritter Blaubart (Jack Isaacs in einer Ritterrüstung) und weiteren Bösewichtern. Da eilt die Armee des unabhängigen Films herbei, angeführt von deren General Don Quijote (Eisenstein auf einem uralten Filmprojektor sitzend), auch Moussinac (als D'Artagnan), Richter und Auriol gehören dazu, und es gibt auf beiden Seiten weitere Protagonisten, alle von Kongressteilnehmern gespielt. Nach kurzem, aber heftigem Kampf siegen die Guten, und der Film wird aus den Fängen des Kommerzes befreit!

Wenn man Eisenstein glaubt, waren die Dreharbeiten für Janine Bouissounouse nicht ganz ungefährlich: "Und der von mir in D'Artagnan verwandelte Moussinac steigt aufs Dach, um den Qualen der armen Mademoiselle Bouissounouse ein Ende zu bereiten, unter deren Füßen die alten Dachziegel wegrutschen und sowohl sie als auch das Kameragestell Eduard Tissés in die Tiefe mitzureißen drohen." Zur Ausstattung des Films wurden vorübergehend die Rittersäle und die Truhen des Château geplündert und Rüstungen, Schwerter, Lanzen, Tücher, Straußenfedern und dergleichen in den Schlosspark geschafft. Bezüglich der Frage, inwieweit Hélène de Mandrot darüber informiert war, gibt es wieder recht unterschiedliche Versionen. In der Darstellung von Hans Richter wurde de Mandrots vorübergehende Abwesenheit ausgenutzt, und als sie zurückkehrte, soll sie wegen der "Entweihung dieser Familienheiligtümer für unser Fabelspiel" sehr zerknirscht gewesen sein und in Hinkunft nichts mehr mit Filmleuten zu tun haben wollen. In Georg Schmidts Version von 1959 hingegen wurde er in aller Frühe, als er mit dem Ausräumen des Rittersaals begonnen hatte, von Mme de Mandrot (im Nachthemd, "wie ein Gespenst") überrascht. Als er auf ihre Frage, was das soll, antwortete, dass Eisenstein und Richter einen Film drehen wollen, gab sie ihre Zustimmung nur unter der Bedingung, dass am Abend wieder alles an Ort und Stelle ist, denn für den nächsten Tag war eine Inspektion durch eine Kommission des Denkmalsamts angesagt. Und in Eisensteins Memoiren liest sich das ganze so: "Die hochbetagte [hu? sie war 61], aber 'geistig ewig junge' Madame de Mandrot erstarrt jeden Augenblick vor Entsetzen darüber, wie man mit ihren Familienreliquien umspringt, beim Anblick des zertrampelten Rasens, der geknickten Geranien und des von Hellebarden zerschundenen wilden Weins. Letzten Endes aber lässt sich die nette Dame selbst mitreißen: eigenhändig bringt sie aus ihrer altertümlichen Truhe die von uns benötigten Laken für irgendeine Gespensterepisode und bewirtet die vor Hitze vergehenden Geharnischten, wie es dazumal den Kreuzfahrern erging, mit diversen wunderbaren Erfrischungsgetränken."

Eisenstein präpariert Moussinac als D'Artagnan
(Sammlung Cinémathèque suisse, alle Rechte vorbehalten)
Wer glaubt, dass es mit den verschiedenen Versionen bezüglich dieser oder jener Frage nun aber ein Ende haben müsse, sieht sich getäuscht, denn das Beste kommt erst noch. DIE ERSTÜRMUNG VON LA SARRAZ, wie der Film auf Deutsch meist genannt wird, wurde in Europa nie vorgeführt, und er verschwand hier schon direkt nach dem Kongress spurlos. Auch die allermeisten Kongressteilnehmer sahen ihn nie und waren völlig ratlos, was seinen Verbleib betraf. Und, wie könnte es anders sein, im Lauf der Jahre und Jahrzehnte kursierten verschiedene Theorien über sein Verschwinden. In Eisensteins Memoiren (die er von 1940-46 verfasste) findet sich diese kurze Notiz: "Unser schöner Film aber ist in irgendeinem der unzähligen Zollämter, die das bunte und vielschichtige Bild Europas in ein System einzelner Staaten zerteilen, verlorengegangen ...". Das ist alles - kein konkreter Hinweis, um welche Grenze oder gar um welches Zollamt es sich handelte, so dass sich keine Anhaltspunkte für Nachforschungen ergeben. Ganz anders liest sich die Geschichte ohnehin in Hans Richters Memoiren: "Was aus unserem La Sarraz-Film geworden ist, der in der Tat ein Dokument ersten Ranges, wenn auch dadaistischer Färbung gewesen wäre, weiß niemand. S.M. [Eisenstein] beschuldigte mich, daß ich ihn nach Deutschland gebracht hätte, wohingegen ich genau wußte, daß er mit Tissés Kamera und Magazin nach Zürich zu Herrn Wechslers "Praesensfilm" gewandert sein mußte, um dort entwickelt und kopiert zu werden. Meiner Meinung nach hat Eisenstein ihn irgendwo in einer Pension unter dem Bett stehen lassen [...]". Richters Einwand, dass der Film zunächst in Zürich gelandet sein muss, klingt plausibel, denn Tissé war der Kameramann beim Dreh (wobei in manchen Quellen noch Ruttmann als zweiter Kameramann genannt wird), und die Einrichtungen der Praesens-Film waren die erste geeignete Anlaufstelle zur Entwicklung des Films. Lazar Wechsler hätte die Kosten für die (im Vergleich zu FRAUENNOT - FRAUENGLÜCK) wenigen zusätzlichen Minuten sicher anstandslos übernommen - doch irgendwelche Belege gibt es nicht. Es gibt übrigens noch eine Variante der Version mit Richter als Beschuldigtem - nach dieser hätte er den Film im Zug vergessen, als er nach England fuhr (wo sich einige Wochen nach dem Kongress mehrere der Beteiligten wieder trafen).

Doch es wird noch spektakulärer. Bei Richter geht es nämlich noch weiter: "Wie dem auch sei, der La Sarraz-Film war und blieb verschwunden, ohne ein weiteres Lebenszeichen von sich zu geben ... bis im Jahr 1963 ein Genfer Skeptiker, A.C. in der Tribune de Genève, eine Lösung des Rätsels anbot mit der Überschrift "Le film du Congrès de La Sarraz n'a jamais existé" [Der Film des Kongresses von La Sarraz hat nie existiert]: Tissé habe auf Eisensteins Anordnung (sie hatten kein Geld, um Filme zu kaufen) mit leerer Kassette gedreht! Das ist nicht unmöglich. Eisenstein hatte von seiner Heimat keine Kopeke mitbekommen, und das genügte in der Tat nicht, Rohfilme zu kaufen. Aber auch wenn Wechsler ihm Rohfilme zur Verfügung gestellt hätte, wäre es fraglich, ob er wertvolles Rohmaterial für so ephemere Zwecke hätte verwenden wollen. Denn so sah es doch damals aus? Sehr schade!" Richter hat die Theorie, der Film sei nie gedreht worden, also nicht erfunden (auch wenn das gelegentlich so dargestellt wird), aber er scheint sie dann irgendwann geglaubt oder zumindest für möglich gehalten zu haben. Wie das allerdings mit der im selben Buch geäußerten Pensionsbetttheorie unter einen Hut passt, erschließt sich mir nicht. Es wäre interessant zu wissen, wer "A.C." war und wie er (oder sie) zu dieser Theorie kam. Von den Kongressteilnehmern passen die Initialen auf Cavalcanti, aber der war es wohl eher nicht. Vielleicht handelte es sich einfach nur um einen Wichtigtuer.

Denn die Theorie, der Film habe nie existiert, ist ohnehin hinfällig. Seit geraumer Zeit weiß man nämlich, dass DIE ERSTÜRMUNG VON LA SARRAZ am 13. Juni 1930 in Tokio gezeigt wurde, und zwar unter dem prosaischen Titel KOKUSAI DOKURITSU EIGA KAIGI, was schlicht INTERNATIONALER KONGRESS DES UNABHÄNGIGEN FILMS bedeutet, gemeinsam mit anderen Filmen in einer Abendveranstaltung der proletarischen Filmliga Pro-Kino (der, wie erwähnt, Hiroshi Higo angehörte). Mindestens zwei japanische Zeitungen oder Zeitschriften (Proletaria Film und Shingo Eiga) berichteten damals darüber, und es ist sogar das Freigabedokument der japanischen Zensur vom 11. Juni erhalten, aus dem hervorgeht, dass es sich um eine 16mm-Kopie mit einer Länge von 61 Metern handelte. Man kennt nicht die Vorführgeschwindigkeit bei dieser Veranstaltung, bei 18 Bildern pro Sekunde würden 61 m einer Laufzeit von 7:26 Minuten entsprechen, bei 24 Bildern pro Sekunde wären es 5:34 Minuten. Der Film hat also existiert, aber damit sind nicht alle genannten Theorien über sein Verschwinden widerlegt. Die Kamera, die Tissé auf der Reise bei sich führte, war eine Debrie für 35mm, und in diesem Format wurde der Film somit gedreht. Es wäre wenig plausibel, wenn man davon nur eine 16mm-Kopie angefertigt und dann das Negativ weggeworfen hätte. Wahrscheinlicher wäre, dass Eisenstein das Negativ zunächst behielt und ein Positiv in 16mm anfertigen ließ, vielleicht auch eines in 35mm. Das hätte in Zürich bei Praesens-Film geschehen können, vielleicht auch später in einem Labor in Berlin oder gar noch später in Paris. Hiroshi Higo stach erst am 28. Oktober 1929 von Neapel aus gen Japan in See, also auch wenn er die Kopie gleich selbst mitgenommen hätte (von einigen anderen Filmen ist sicher, dass er Kopien mitnahm), wäre genug Zeit für die eine oder andere Variante gewesen. Es ist also sehr wohl möglich, dass das Negativ oder ein 35mm-Positiv in den bürokratischen Mühlen des Zolls verlorenging - oder in einem Zug oder unter einem Pensionsbett vergessen wurde. Nach dem Juni 1930 verliert sich auch in Japan die Spur des Films, und er blieb seitdem verschollen. Aber wie heißt es doch in solchen Fällen immer in der IMDb: Please check your attic!

Wie es weiterging


Die organisatorischen Strukturen, die 1929 in La Sarraz ins Leben gerufen wurden, waren weit kurzlebiger als die der Architekten vom Vorjahr. Vom 27. November bis zum 1. Dezember 1930 fand in Brüssel der zweite (und letzte) Internationale Kongress des Unabhängigen Films statt. Veranstaltungsort war das Palais des Beaux-Arts. Zu den Teilnehmern zählten Charles Dekeukeleire und Henri Storck, Joris Ivens, Boris Kaufman, Jean Painlevé, Jean Vigo, Germaine Dulac, Oswell Blakeston sowie erneut Hans Richter, Robert Aron, Jean George Auriol und Léon Moussinac, und weitere Delegierte. Schon in La Sarraz wurde eigentlich eine belgische Delegation erwartet, der Storck hätte angehören sollen (vielleicht auch Dekeukeleire, aber darüber liegen mir keine Informationen vor), aber die ist aus mir nicht bekannten Gründen nicht erschienen. Auch in Brüssel gab es Filmvorführungen, gezeigt wurde dort auch BORDERLINE. Die Mehrzahl der Delegierten in La Sarraz stand politisch links, einige waren sogar Kommunisten, mindestens zwei der Südeuropäer, Prampolini und Giménez Caballero, standen dagegen ziemlich weit rechts außen (über Sartoris' damalige politische Einstellung weiß ich nichts). Um den Kongress nicht von vornherein an politischen Gegensätzen scheitern zu lassen, wurde das Thema Politik in La Sarraz strikt ausgeklammert. Das aber goutierten nicht alle Delegierten, und nun, beim zweiten Kongress in Brüssel, brachen die Gegensätze offen aus. Die Mehrzahl der Delegierten (besonders prononciert etwa Richter) plädierten dafür, dass der unabhängige Film einen Beitrag zur Eindämmung des Faschismus leisten solle. Das aber führte zum Auszug der italienischen und der spanischen Delegation und zum raschen Zerfall der erst in La Sarraz gegründeten Organisationen. So blieb von La Sarraz außer der Symbolwirkung nur eine Verstärkung der persönlichen Kontakte eines Teils der Teilnehmer. Für viele schien es so, als sei auch der Avantgardefilm selbst an einem Endpunkt angekommen. Das lag nicht nur an den politischen Gegensätzen, sondern auch am Einbruch des Tonfilms. Der war ja auch schon 1929 voll im Gang (wenn man von wenigen Ländern wie Japan absieht), aber die Filme, um die es in La Sarraz ging, waren im Wesentlichen noch Stummfilme. Zwar wurde das Thema Tonfilm nicht ausgeklammert (Ruttmann und Balázs hielten Vorträge darüber), fand aber wohl doch nicht die gebührende Beachtung. Einige Teilnehmer meinten möglicherweise, in den geschützten Biotopen der Ciné-Clubs könne der Stummfilm dauerhaft Widerstand leisten, aber das war eine Illusion. Der Tonfilm aber brachte eine deutliche Verteuerung mit sich, die es Avantgardefilmern und ambitionierten Amateuren deutlich schwerer machte als bisher. Trotzdem war der unabhängige Film natürlich nicht am Ende, aber der Schwerpunkt verlagerte sich langsam von Europa in die USA. In den 30er Jahren, dem Jahrzehnt des New Deal, gab es dort unabhängige linke Filmkooperativen wie die Film and Photo League, Nykino oder Frontier Films, und ab den 40er Jahren trat eine neue Generation von Avantgardisten hervor (Maya Deren, Marie Menken, Kenneth Anger, Stan Brakhage etc.), die freilich nicht aus dem Nichts kam, sondern auch schon in den 20er Jahren ihre Vorläufer hatte, wie etwa das unverzichtbare DVD-Set Unseen Cinema. Early American Avant-Garde Film 1894-1941 belegt. Der Avantgardefilm war also Ende 1930 nicht tot, aber zumindest in Europa erlebte er eine deutliche Zäsur. Aber der kurzfristige Aufbruch von La Sarraz verdient doch etwas mehr Bekanntheit, als es derzeit (außerhalb der Schweiz) der Fall ist.