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Montag, 3. Juli 2017

Im Wald, da sind die Räu-häu-ber!

Friedrich Fehérs schräge Räubersymphonie

THE ROBBER SYMPHONY (dt. RÄUBERSYMPHONIE (BRD) bzw. DIE RÄUBERSINFONIE (DDR))
Großbritannien 1936
Regie: Friedrich Fehér
Darsteller: Hans Fehér (Giannino), Magda Sonja (seine Mutter), George Graves (Großvater), Michael Martin Harvey (der Räuber mit dem Strohhut), Alexandre Rignault (Black Devil), Tela Tchaï (die Räuberin), Webster Booth (der singende Räuber), Jack Tracy und Al Marshall (die musizierenden Räuber), Jim Gérald (der Köhler), Vinette (die Wahrsagerin), Ivor Wilmot (Magistrat)

"Wir sind keine Banditen!"
"Was sind wir denn?"
"Räuber!"

Giannino, der Held der Geschichte
HAROLD HOLT presents the FIRST "COMPOSED" FILM - so verkündet es stolz gleich das erste Titelblatt der Credits von THE ROBBER SYMPHONY. Gemeint ist damit, dass zuerst die (von Friedrich Fehér selbst geschriebene) Musik entstand und dann der Film nach der Musik gedreht und geschnitten wurde. Ob THE ROBBER SYMPHONY tatsächlich der erste Film nach diesem Prinzip war, sei mal dahingestellt (ich habe leise Zweifel daran), aber er ist jedenfalls so konstruiert. Wie um das gleich nochmal zu verdeutlichen, beginnt nach der zweiminütigen Titelsequenz nicht gleich die Handlung, sondern es folgt erst noch eine fünfeinhalbminütige Ouvertüre mit einem Symphonieorchester in einem Konzertsaal (nämlich Queen's Hall in London), dirigiert von Fehér selbst (man sieht ihn dabei allerdings nur von hinten), aber ohne sichtbares Publikum (und in den letzten zehn Sekunden des Films ist als abschließende Klammer nochmals das Orchester zu sehen und zu hören). Schon hier stellt sich eine merkwürdige Stimmung ein, weil das Orchester (einschließlich des Dirigenten) sonderbar aussehende Hüte trägt.

Ouvertüre mit merkwürdigen Hüten
Dann geht es nun endlich richtig los - Überblendung vom Orchester zu einer mediterranen Küstenlandschaft irgendwo in Südfrankreich (gedreht wurden die Außenaufnahmen des ersten Filmteils bei Nizza). Aufgrund der teils märchenartigen bis leicht surrealen Handlung, die nun folgen wird, ist die Zeit nicht genau bestimmt. Die Uniformen der Gendarmen, die meisten Kleider und das Walzenklavier, das im Film eine zentrale Rolle spielt, deuten ins 19. Jahrhundert, während die auf die Räuber ausgesetzte Belohnung von 1000 Louis d'or auf spätestens das 18. Jahrhundert verweist (und der Tatsache, dass mindestens einmal Strommasten und -leitungen zu sehen sind, sollte man in dieser Hinsicht überhaupt keine Bedeutung beimessen). Einigen wir uns also darauf, dass der Film "vor mehr als hundert Jahren" (von 1936 aus gerechnet) spielt.

Hier beginnt die Geschichte
Wir befinden uns nun in einer kleinen Stadt, und ein Steckbrief (mit den besagten 1000 Louis d'or als ausgesetzter Belohnung) klärt uns darüber auf, dass die berüchtigte Räuberbande von Alfred Galotti, besser bekannt als The Black Devil, seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht. Was die braven Bürger nicht ahnen: Die Räuber sind mitten unter ihnen! Denn der Wirt eines Gasthauses in der Stadt ist kein anderer als der "Schwarze Teufel", seine Kellnerin ist das einzige weibliche Bandenmitglied, und ein unscheinbarer älterer Herr mit Strohhut, scheinbar nur ein harmloser Gast des Wirtshauses, gehört auch zu den Räubern. Komplettiert wird die Bande von zwei Oboe bzw. Fagott spielenden Musikern und einem öligen Tenor. Ein riesiges leeres Weinfass, auf einer Pferdekutsche montiert, dient den Räubern als fahrende Einsatzzentrale.

Mutter und Großvater, Esel und Hund
Gleich in der Nähe des Gasthauses logiert eine Familie von fahrenden Straßensängern aus Italien, bestehend aus dem ca. 14-jährigen Giannino, seiner Mutter und seinem Großvater. Die beiden Erwachsenen unterhalten die Gäste des Wirtshauses mit ihren Liedern, während Giannino mit einer Kurbel das Walzenklavier bedient, das auf einem fahrbaren Untersatz montiert ist, der von einem Esel gezogen wird. Mit von der Partie ist auch ein schwarzer Hund, der auf Gianninos Kommando hin zahlungsunwilligen Gästen der Gesangsdarbietungen ans Bein pinkelt. Außer das Klavier zu bedienen und dem Hund fragwürdige Kunststücke beizubringen, beherrscht Giannino auch die Kunst, mit einem kleinen Blasrohr Kügelchen sehr zielgenau zu verschießen. Für die Dauer ihres Aufenthalts wohnen die fahrenden Künstler im Erdgeschoss (mit angrenzendem Stall) eines Hauses, dessen obere Stockwerke von der Besitzerin, einer zänkischen Wahrsagerin, bewohnt werden. Die Dame ist mit ihrer zweifelhaften Profession zu Reichtum gelangt - mehr als 12.000 Golddukaten, die sie in einem Sparstrumpf sicher verwahrt (wie sie meint).

Räuber: Der Wirt, die Kellnerin, der Tenor und der mit dem Strohhut
Doch genau diese Dukaten sind das nächste Ziel der Räuber. Giannino wird dabei zum unfreiwilligen Helfer: Nachdem seine Mutter einen heftigen Streit mit der Wahrsagerin hatte, flüstert die Kellnerin ihm ein, in der nächsten Nacht die Stalltür nicht zu verschließen, weil sie der Wahrsagerin einen Streich spielen wolle. In Wirklichkeit nützt der Räuber mit dem Strohhut den Zugang ins Haus, um den Sparstrumpf zu entwenden. Doch der Abtransport der Beute misslingt, weil Giannino durch eine achtlos weggeworfene Zigarette einen Brand auslöst. In dem Tohuwabohu weiß sich der Räuber nicht anders zu helfen, als die Beute ausgerechnet im Walzenklavier zu verstecken. Ein erster Versuch zur nächtlichen Bergung der Beute in einem heftigen Sturm scheitert kläglich, und so muss ein raffinierter Plan her - der strikt ohne Blutvergießen auskommen muss, weil Black Devil nicht eines Tages am Galgen baumeln will.

Oben der Rest der Bande
Der Plan besteht nun darin, dass der Tenor Gianninos Mutter mit einer Belcanto-Arie anschmachten und dabei betrunken machen soll, während die Kellnerin den Großvater zu einem wilden Tanz zu südländischen Rhythmen verführt. Dieser Tanz gerät zu einer ziemlich unglaublichen und sehr komischen Szene. Die beiden musizierenden Räuber, der Räuber mit dem Strohhut, vor allem aber der wie unter Strom stehende Großvater geraten dabei in wilde, geradezu frenetische Zuckungen. Am Ende sinkt er völlig ermattet ins Stroh des Stalls und verfällt in einen Dornröschenschlaf, während Gianninos Mutter weinselig und beduselt vor sich hin dämmert. Doch der schöne Plan der Räuber war nicht ganz perfekt, denn sie hatten Giannino nicht auf der Rechnung. Der schläft jetzt nämlich ausgerechnet auf dem Klavier, und so wird er kurzerhand mit abtransportiert. Durch die Schusseligkeit der Räuber und die Wachsamkeit des Hundes endet diese Szene damit, dass der immer noch schlafende Giannino, das Klavier, der Esel und der Hund in einem Ruderboot auf dem Mittelmeer treiben, während die konsternierten Räuber an Land das Nachsehen haben.

Die Wahrsagerin in ihrem Kabinett
Unterdessen wurde Gianninos Mutter verhaftet, weil man sie verdächtigt, zur Räuberbande zu gehören. Die ob des finanziellen Verlusts hysterisch kreischende Wahrsagerin geht dem Magistrat, der die Untersuchung führt, gehörig auf die Nerven, doch sie bringt nicht ganz zu Unrecht vor, dass der Dieb durch den Stall gekommen sein muss. Weil die Mutter nichts von Gianninos unwissentlicher Beihilfe weiß, kann sie nichts zu ihrer Verteidigung aussagen. - Als Giannino am nächsten Morgen erwacht, kann er problemlos ans Ufer rudern, wird dort aber auch gleich festgenommen, zu einer Polizeiwache in den Bergen gebracht und nach dem Verbleib der Beute befragt. Natürlich weiß er nichts darüber, und so wird er erst mal eingekerkert, kann sich aber durch einen Kunstschuss mit seinem Blasrohr befreien. Mit dem Klavier, Esel und Hund macht er sich nun auf die Suche nach seiner Mutter, ohne konkret zu wissen, wo er eigentlich hin muss - verfolgt von den Räubern in ihrem riesigen fahrenden Fass.


Giannino kommt in ein kleines Bergstädtchen, wo zu seiner Verblüffung vier weitere von Eseln gezogene fahrbare Walzenklaviere auftauchen. Es handelt sich um einen weiteren Plan der nun als Artisten und Clowns verkleideten Räuber: Während der mit dem Strohhut, mit einer Pappnase getarnt, eine öffentliche Vorstellung als Seiltänzer gibt, soll Giannino im allgemeinen Trubel eines der falschen Klaviere untergejubelt und das mit der Beute abspenstig gemacht werden. Doch auch dieser reichlich absurde Plan scheitert kläglich, und es kommt für die Räuber noch schlimmer: Als Giannino dem Mann mit dem Strohhut mit seinem Blasrohr die Pappnase wegschießt, wird dieser von einem Polizisten erkannt und verhaftet. Unterdessen begeht die Wahrsagerin einen fatalen Fehler: In ihrer Hysterie schreit sie, dass jeder, der ihr auch nur einen ihrer Dukaten zurückbringt, den Rest als Belohnung behalten darf. Der Magistrat befiehlt geistesgegenwärtig, diese Aussage schriftlich festzuhalten.

Ein Brand bringt einen Räuber in Nöte
Auf seiner mehr oder weniger ziellosen Fahrt kommt Giannino immer höher ins Gebirge, immer noch von der (um einen Mann dezimierten) Bande verfolgt, und er erfriert fast, wird aber von einem Köhler gerettet, der da oben als Eremit haust. Und die Räuber bleiben weiterhin glücklos: Black Devil, der Giannino in einer öden Schnee- und Eiswüste zuletzt zu Fuß verfolgt hat, bleibt in einem Schneeloch wie in Treibsand stecken, während die anderen in ihrem zugefrorenen Fass eingeschlossen sind. Um es kurz zu machen: Giannino und der Köhler erkennen den Wirt anhand der Beschreibung aus dem Steckbrief als Räuberhauptmann, bringen ihn und seine Komplizen in die Stadt zum Magistrat, und beweisen so die eigene Unschuld. Und Giannino kassiert nicht nur die 1000 Louis d'or, sondern auch das Vermögen der Wahrsagerin (abzüglich eines Dukaten). Und damit ist diese merkwürdige Geschichte zu Ende. Nein, noch nicht ganz. Der Großvater, der ungefähr eineinhalb Stunden des Films verschlafen hat, erwacht im Stroh, räkelt sich und mischt sich unters Volk, als sei nichts gewesen. Nun ja, für ihn ist auch nichts gewesen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...

Der Tenor macht sich an die Mutter ran, während Opa in Zuckungen gerät
Weite Strecken von THE ROBBER SYMPHONY, vor allem Gianninos Odyssee mit Klavier, Esel und Hund, folgen mehr einer Traumlogik als einem rationalen Bauplan. Der mit über 140 Minuten nicht gerade kurze Film ist dabei durchweg unterhaltsam. Vieles trägt dabei zur absurden Verfremdung der Handlung bei. Immer wieder gibt es skurrile, absonderliche Handlungseinfälle. Das Drehbuch schrieben Friedrich Fehér und sein englischer Coproduzent Jack Trendall nach einer Vorlage von dem österreichischen Journalisten und Schriftsteller Anton Kuh. Gelegentlich gibt es Slapstick-Elemente, manchmal auch mit Zeitraffer oder rückwärts laufendem Film, Zeitlupe kommt aber auch ein- oder zweimal zum Einsatz. Als Giannino fast erfriert, sieht er sich selbst in einer Halluzination als Seiltänzer, was zu einer schönen Montagesequenz mit stark verdrehten Kamerawinkeln gerät. Im Soundtrack gibt es längere dialoglose Passagen, in denen (gemäß dem in den Credits angekündigten Grundkonzept) die Musik dominiert und den Filmrhythmus vorgibt. Es gibt aber auch einige extravagante Soundeffekte. Als sich etwa ein Insekt auf der Pappnase des seiltanzenden Räubers niederlässt, ist dessen Summen in stark übertriebener Lautstärke zu hören. Und mehrfach gibt es Geräusche mit starken Halleffekten.

Der Abtransport der Beute scheitert zum wiederholten Mal
Insgesamt zeigt THE ROBBER SYMPHONY eine mild surreale Grundstimmung. Im visuellen Bereich weist er aber auch Einflüsse des Expressionismus auf, vor allem bei Szenen, die nachts spielen. Hierfür konnte Friedrich Fehér auf die Mithilfe dreier bewährter Fachkräfte des Stummfilms und frühen Tonfilms der Weimarer Republik zurückgreifen. CALIGARI-Regisseur Robert Wiene, unter dem Fehér von 1916 bis 1925 viermal als Schauspieler gearbeitet hatte, und der nun wie Fehér im englischen Exil war, fungierte als Produktionsleiter. Eugen Schüfftan, der mit seinen Kameratricks schon METROPOLIS veredelt hatte, war Kameramann. Und der aus Ungarn stammende Filmarchitekt und Kostümbildner (und gelegentliche Regisseur) Ernö Metzner, der etwa schon mehrfach für Lubitsch und Pabst gearbeitet hatte, war auch hier für die Bauten zuständig. Etliche der von Metzner für THE ROBBER SYMPHONY entworfenen Gebäude zeigen einen leicht expressionistischen Touch. Es handelt sich um keine scharfkantigen, spitzwinkligen, flächig-gemalten Kulissen wie bei CALIGARI, sondern mehr um organisch-runde Formen, wie sie etwa schon Hans Poelzig für DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM kreiert hatte.

Ungewollter Ausflug zur See
THE ROBBER SYMPHONY zeigt somit deutliche Einflüsse des Weimarer Films. Gelegentlich denkt man an einzelne Filme von Pabsts DREIGROSCHENOPER bis zu EMIL UND DIE DETEKTIVE, aber auch an THE DEVIL'S BROTHER (FRA DIAVOLO) mit Stan Laurel und Oliver Hardy (nur eben ohne Laurel & Hardy). Apropos: Die beiden von Jack Tracy und Al Marshall gespielten musizierenden Räuber sind (allerdings nur in diesem Film) auch so etwas wie ein Komikerpaar. Zwar haben sie nichts mit Stan & Ollie zu tun, aber in ihrem Habitus und ihrem lakonischen Zusammenspiel haben sie mich etwas an Pat & Patachon erinnert. - Trotz aller Einflüsse lässt sich festhalten: Mit seinen vielen skurrilen und absurden Einfällen ist THE ROBBER SYMPHONY ein ganz eigenständiger und fast singulärer Film.

Die Wahrsagerin macht sich bei den Behörden unbeliebt, während die Mutter im Gefängnis sitzt

Friedrich Fehér: Von Caligari zu (der Flucht vor) Hitler


Wer spielte 1919 die Hauptrollen in DAS CABINET DES DR. CALIGARI? Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover - viele Cineasten können die Namen nennen, ohne nachsehen zu müssen. Aber wer war gleich nochmal Franzis, der Erzähler der bizarren Geschichte? Genau: Es war der österreichische Schauspieler, Regisseur, Komponist und Dirigent Friedrich Fehér. Da war er schon seit einigen Jahren gut im Geschäft. Geboren wurde der aus einer jüdischen Familie stammende Fehér (oft auch Feher geschrieben) 1889 als Friedrich Weiß in Wien. Laut Geburtsregister der Jüdischen Kultusgemeinde in Wien war sein Vater ein "Börsebesucher" (also wohl ein Spekulant oder Börsenmakler) aus Budrea, vermutlich in Rumänien (eine Wiener Archivarin meinte in REQUIEM VOOR EEN FILM (siehe unten), dass es sich dabei um Budapest handelt, aber ich glaube, da täuschte sie sich). Seinen Künstlernamen entlehnte er dem Ungarischen - "fehér" bedeutet "weiß". Ob er selbst Ungarisch sprach, weiß ich nicht.

Die mobile Kommandozentrale der Räuber
Nachdem er das Wiener Konservatorium absolviert hatte, wurde Fehér Theaterschauspieler an deutschen und österreichischen Bühnen, dann auch Theaterregisseur, und ab 1911 als Schauspieler bzw. seit 1913 als Regisseur war er beim Film, wobei er ebenfalls zwischen Deutschland und Österreich pendelte. Zeitweise hatte er eine eigene Produktionsgesellschaft, und Mitte der 20er Jahre leitete er ein Theater in Wien. Fehérs bekannteste und wichtigste Rolle als Filmschauspieler war zweifellos die in CALIGARI. Bei vielen seiner Filme als Regisseur spielte Fehérs Frau, die tschechisch-österreichische Schauspielerin und Sängerin Magda Sonja, die weibliche Hauptrolle. Magda Sonja, 1886 als Venceslava Vesely im tschechischen Hradisko geboren, war einer der größten weiblichen Stummfilmstars in Österreich. Ihre bekanntesten Stummfilme waren vielleicht MATA HARI und der zweiteilige MARIA STUART, beide 1927 von Fehér inszeniert. 1922 wurde Hans Fehér als einziges Kind des Paars in Wien geboren. In IHR JUNGE (1931) und GEHETZTE MENSCHEN (1932), Fehérs einzigen deutschsprachigen Tonfilmen (wobei es von beiden auch eine tschechische Sprachfassung gibt), spielte Hans Fehér erstmals neben seiner Mutter und unter der Regie seines Vaters. Bei der deutschen Version von IHR JUNGE spielte auch Friedrich Fehér selbst mit, sowie Szöke Szakáll, der später als S.Z. Sakall ein vielbeschäftiger Nebendarsteller in Hollywood war.

In einem Bergstädtchen ...
1933 emigrierte die jüdische Familie über die Tschechoslowakei nach England. Hier wurde THE ROBBER SYMPHONY Fehérs einziger und insgesamt sein letzter Spielfilm, und er legte alles hinein, was er hatte. Er gründete zur Produktion die Concordia Films Ltd., Fehér war also (zusammen mit dem erwähnten Jack Trendall) auch Produzent des Films, der mit ca. 80.000 £ für einen britischen Film dieser Jahre nicht gerade billig war - neben den Studioaufnahmen in England und den Außenaufnahmen in Südfrankreich wurde auch in Österreich und am Montblanc-Massiv gedreht. Bei den Darstellern griff Fehér auf eine Mischung englischer und französischer Akteure zurück. Die in der IMDb genannte Françoise Rosay spielt allerdings nur in der parallel gedrehten französischen Sprachfassung LA SYMPHONIE DES BRIGANDS - sie ersetzt hier anscheinend Vinette als die Wahrsagerin. Über die sonstigen Darsteller in dieser französischen Version weiß ich nichts - man findet so gut wie keine Informationen über diese Fassung (LA SYMPHONIE DES BRIGANDS wird heute auch als franz. Titel der engl. Fassung verwendet, deshalb kursieren diesbezüglich irreführende Informationen). Möglicherweise ist die franz. Fassung verschollen, aber sicher bin ich da auch nicht.

... kommt es zur wundersamen Esels- und Klaviervermehrung
Um noch einmal auf die Darsteller zurückzukommen: Tela Tchaï, die eigentlich Martha Winterstein hieß, wurde zwar in Roubaix geboren, und sie wird in der franz. Wikipedia als Französin (mit Sinti/Roma-Wurzeln) bezeichnet, aber sie hatte offenbar auch deutsche Wurzeln. Darauf deutet nicht nur ihr richtiger Name hin, sondern auch die Tatsache, dass sie in REQUIEM VOOR EEN FILM abwechselnd deutsch und französisch (aber mehr deutsch) antwortet. Tela Tchaï spielte 1932 in DIE HERRIN VON ATLANTIS (einschließlich der engl. und der franz. Parallelversion) von G.W. Pabst, wo Eugen Schüfftan hinter der Kamera stand, und der hatte sie dann Fehér für die Rolle der Räuberin mit dem leicht exotischen Aussehen empfohlen. Im Interview erzählte sie, dass sie ihn damals "Schüffi" nannte. Ihren letzten Film drehte Tela Tchaï 1945, später widmete sie sich der Malerei.

Das Ende einer Räuberlaufbahn
Für die Aufnahme der von ihm geschriebenen Musik sowie die Filmaufnahme der Ouvertüre engagierte Fehér das renommierte London Symphony Orchestra. In den Credits wird es "Concordia Symphony Orchestra" genannt, aber das ist ein Fantasiename - die von Fehér gegründete Firma betrieb natürlich nicht gleich ein eigenes Symphonieorchester. Weil für die Filmaufnahme der Ouvertüre in den Shepperton-Studios nicht genug Platz für das große Orchester war, wurde mit der Queen's Hall (die im Zweiten Weltkrieg durch eine Bombe zerstört wurde) ein echter Konzertsaal herangezogen. Fehér ist wie erwähnt als Dirigent (von hinten) zu sehen, aber bei den Tonaufnahmen der Musik (die separat von den Filmaufnahmen an einem anderen Ort stattfanden) dirigierte er nicht selbst, oder zumindest nicht alles. Vielmehr griff er dazu auf die Mithilfe des jüdischen Komponisten und Dirigenten Alfred Tokayer zurück. Tokayer wurde 1900 in Köthen in Sachsen-Anhalt geboren. Er wirkte als Orchesterleiter in Bremen und Berlin. Ab 1935 war er in Frankreich im Exil, und 1936 reiste er nach London, um für Fehér zu arbeiten. Danach wieder in Frankreich, wurde er dort 1943 verhaftet und nach Sobibor deportiert, wo er noch im selben Jahr starb.

Immer höher ins Gebirge
Leider war die teure ROBBER SYMPHONY ein ziemlicher Misserfolg, und die Concordia Films Ltd. ging pleite. Fehér reiste schon 1936 in die USA, um den Film dort zu vermarkten und doch noch zu einem Erfolg zu machen, aber auch damit hatte er kein Glück. Er blieb dann gleich in den USA, und Magda Sonja und Hans kamen wenig später nach. Die Familie ließ sich im Raum Los Angeles nieder. Die von Fehér wohl erhoffte Hollywood-Karriere blieb aber leider aus. Er inszenierte mehrere kurze Konzertfilme mit Symphonieorchestern, wobei er teilweise auch dirigierte, aber keinen Spielfilm mehr. Zwar gab es einen Anlauf dazu - für MGM hätte er einen Film über den "Butzemann" (bogeyman) inszenieren sollen, aber das verlief wegen Problemen mit den Rechten letztlich im Sand. Zum letzten Mal als Schauspieler sah man Fehér 1943 in einer Nebenrolle in JIVE JUNCTION seines österreichischen Landsmannes im Exil Edgar G. Ulmer. Für Magda Sonja war schon THE ROBBER SYMPHONY ihr letzter Film. 1950 reiste Fehér nach Deutschland, wo er einen Film vorbereiten wollte. Ich weiß nicht, ob das schon konkrete Formen angenommen hatte oder mehr Wunschdenken war. Es spielte keine Rolle mehr, denn im September 1950 erlitt er in Stuttgart einen Herzanfall und starb kurz darauf. Magda Sonja verschwand nach dem Tod ihres Mannes komplett in der Obskurität. In REQUIEM VOOR EEN FILM wurde ihr Verbleib 1989 als völlig unbekannt bezeichnet. Immerhin weiß man heute, dass sie 1974 in Los Angeles starb.

Ein Köhler rettet Giannino vor dem Erfrieren
Hans Fehér hatte schon in THE ROBBER SYMPHONY (und vielleicht auch in seinen vorherigen beiden Filmen) mit wenig Begeisterung für die Filmerei mitgespielt (was seiner Leistung aber nicht abträglich war - er spielte wirklich gut). Jetzt, in den USA, hatte er überhaupt keine Lust, als Kinderstar weiterzumachen, und auch als Erwachsener wollte er nicht Schauspieler werden. Stattdessen wurde Hans, oder Jack Anthony Feher, wie er dann in den USA hieß, Croupier in Las Vegas - sehr zum Verdruss seines Vaters, der ihn in einem künstlerischen Beruf sehen wollte. Aber ihm hat diese Tätigkeit Spaß gemacht, wie sich seine (angeheiratete) Tante in REQUIEM VOOR EEN FILM erinnerte. Am Zweiten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier der US Army teil. Später war er auch Manager eines Varietés, wohl ebenfalls in Las Vegas, und in seinem Totenschein ist als Beruf writer verzeichnet - ich weiß aber nicht, was er geschrieben hat. Jack Anthony Feher starb schon 1958 mit nur 35 Jahren an einer chronischen Erkrankung der Leber - laut REQUIEM VOOR EEN FILM war er Alkoholiker.

Die Räuber sitzen in der Falle
Erstmals 1940 lief THE ROBBER SYMPHONY in den Niederlanden, und das war anscheinend einer der wenigen Orte, wo er Erfolg hatte. Der holländische Autor K. Schippers sah den Film als Kind und liebte ihn sehr. In dem 1989 erschienenen 98-minütigen Dokumentarfilm REQUIEM VOOR EEN FILM begibt sich Schippers auf Spurensuche nach den Entstehungsumständen des Films und den Lebensläufen der Fehérs. Schippers recherchiert in Wien, London, Los Angeles und anderswo, und es werden u.a. der Fagottist Cecil James vom London Symphony Orchestra (der in THE ROBBER SYMPHONY zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist), Tela Tchaï, die besagte Tante von Hans Fehér und weitere Zeitzeugen interwiewt. Leider ist der Kommentar des Films nur auf Holländisch ohne Untertitel, aber etliche der Interviews sind zumindest auf Seiten der Antwortenden auf Englisch oder Deutsch, so dass sich auch ohne holländische Sprachkenntnisse (wie bei mir) ein Mehrwert ergibt.

Semi-expressionistisches Flair
THE ROBBER SYMPHONY wurde schon bald nach seiner Entstehung gekürzt und (ohne Erfolg) erneut herausgebracht. 2005 hat das Niederländische Filmmuseum (heute EYE Film Instituut Nederland) den Film mit Material aus Amsterdam und London restauriert und auf seine ursprüngliche Länge von 144 Minuten gebracht. Diese Version ist zusammen mit REQUIEM VOOR EEN FILM als Bonusfilm auf einer holländischen DVD erschienen.


Friedrich Fehér in DAS CABINET DES DR. CALIGARI

Donnerstag, 9. Februar 2017

Marginalien zu Frits Fronz

Fangen wir mal von hinten an. Im Herbst 2016 wurde auf eBay für 199 Euro die Ordenskette eines vor mehr als einem Vierteljahrhundert verstorbenen Großmeisters des internationalen Ritterordens Ordines Internationales Pro Concordatia Populorum zum Kauf angeboten - ein "einzigartiges Stück von historischer Bedeutung", wie es im eBay-Angebot hieß. Die Brustplakette dieser Ordenskette ziert ein rot emailliertes Kreuz, und auf der Rückseite der Plakette ist Folgendes eingraviert:
SEINER EXZELLENZ
HANDELSRAT PROFESSOR
FRIEDRICH FRONZ-FRUNDSBERG
GROSSMEISTER
INT. PRO CONCORDATIA-ORDEN
War dieser Handelsrat Professor Friedrich Fronz-Frundsberg, Großmeister eines Ritterordens, etwa ein Verwandter von Frits Fronz, dem Regisseur schlüpfriger Filme wie MÄNNER IN DEN BESTEN JAHREN ERZÄHLEN SEXGESCHICHTEN und SEXREPORT BLUTJUNGER MÄDCHEN? Weit gefehlt - er war es selbst.

Frits Fronz in VIA EROTICA 6 (1967)
Der österreichische "Schundfilm" der 60er und frühen 70er Jahre, dessen bekannteste Vertreter wohl Eddy Saller und Frits Fronz waren, führte ein durchaus interessantes Dasein, doch außerhalb der Alpenrepublik sind seine Vertreter nach der Blütezeit des Genres weitgehend in Vergessenheit geraten. Eddy Saller wurde schon 1991/92 teilweise "wiederentdeckt", doch als 2012 in Deutschland die beiden DVDs Frits Fronz Collection 1 und Collection 2 erschienen, die zusammen vier Filme präsentieren, bekannten selbst Genre-Connaisseure, bislang nichts von Fronz gehört zu haben. Von 1967 bis 1972 inszenierte Fronz fünf Sexfilme, weil sie aber fast alle in Österreich und Deutschland unterschiedliche Titel hatten, ist die "gefühlte" Zahl höher. Fronz spielte in dreien davon unter dem Pseudonym Frank Roberts selbst mit, und ein gewisser Marcel Troussant, der ebenfalls in drei der Filme als Drehbuchautor genannt wird, war auch Fronz selbst. "Primitiv ersonnenes Filmchen", "unsägliche Primitiv-Produktion der sechziger Jahre, haarsträubend dilettantisch", "indiskutabler Sex- und Sittenplunder", "wüste Kolportage", "veralteter Sexfilm" - so schmäht das sittenstrenge Lexikon des internationalen Films der Reihe nach die aus heutiger Sicht recht harmlosen, aber nicht uninteressanten Werke. Doch im Weiteren soll es hier gar nicht mehr um die Filme gehen, sondern darum, was Fronz sonst noch so gemacht hat. Frits Fronz, der Regisseur fehlt also bei den folgenden Überschriften.

Friedrich Fronz, der Widerstandskämpfer?


Fronz wurde 1919 geboren - soviel ist allgemein anerkannt. Doch dann geht es schon los: Ein Teil der Quellen nennt als seinen Geburtsnamen Friedrich Oskar Fronz, der andere Teil plädiert für Friedrich Otto Fronz. "Oskar" erscheint mir glaubwürdiger (sein Vater war der Theaterdirektor Oskar Fronz jr.), aber ganz sicher bin ich mir nicht. Eine mögliche Interpretation der verwirrenden Lage wäre, dass tatsächlich "Friedrich Oskar Fronz" stimmt, und dass er selbst das später in seinem öffentlichen Auftreten in den "Otto" umgebogen hat, weil ihm das besser gefiel - aber das ist erst mal nur eine Spekulation von mir. Wie dem auch sein mag - Otto oder Oskar, Hauptsache Italien! Einigen wir uns also auf Friedrich O. Fronz.

Im Web findet man einige vage Hinweise darauf, dass Fronz im Widerstand gegen die Nazis gewesen sein soll. Im oben erwähnten eBay-Angebot findet sich auch eine (mit Vorsicht zu genießende) Kurzbiografie von Fronz (im Folgenden "eBay-Biografie" genannt). Diese enthält die einzige etwas konkretere Schilderung, die ich finden konnte: "Zum Jahreswechsel 1944/45 befand er sich bei seiner, wegen der Bombenangriffe nach Oberösterreich verschickten Familie auf Heimaturlaub. Er beschloss nicht mehr einzurücken sondern sich der oberösterreichischen Widerstandsbewegung, die sich dann beim Erhalt der Brücke in Linz-Urfahr so auszeichnete, anzuschließen." Eine unabhängige Bestätigung dafür konnte ich nicht auftreiben. Beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, der zentralen Anlaufstelle für solche Fragen, liegen anscheinend keine Erkenntnisse über Fronz vor (jedenfalls taucht er in diesem Register nicht auf), doch das muss nichts heißen. Ich war schon geneigt, die Widerstandsgeschichte zu glauben, aber dann bin ich auf das gestoßen:
Der Sohn von Oskar Fronz junior, Friedrich Fronz, hat übrigens 1947 um eine Varietekonzession bei der Gemeinde [Wien] angesucht, die negativ beschieden wurde, da er "Mitglied der ehem. NSDAP., Ortsgruppenpropagandaleiter der Ortsgruppe Viadukt und Mitglied der SA" gewesen ist. Friedrich Fronz hat dagegen Berufung eingelegt, da er "weder Mitglied noch Anwärter der NSDAP., noch Mitglied der SA", sondern vielmehr "seit 1944 Mitglied der Widerstandsbewegung [war], wo er mit den Herren Hörbiger, Lehmann, Eysler und Wachsler zusammengearbeitet hat." Die Einvernahmen Hörbigers und Eyslers lesen sich anders: Nach ihren Aussagen wäre Fronz gar nicht in der Widerstandsbewegung gewesen. Ermittlungen der Polizeidirektion ergaben, dass Fronz während der NS-Zeit seine Parteizugehörigkeit bei verschiedenen Gelegenheiten durchaus ins Treffen geführt hatte um seine Angelegenheiten für ihn günstig zu regeln. Gegen Fronz wurde ein Verfahren wegen Verdachts auf Nichtregistrierung als Nationalsozialist eingeleitet. Eine Konzession hat Fronz nicht mehr erhalten. Vgl. WStLA, M.Abt. 350 A6/8.

Mirjam Langer: Wiener Theater nach dem "Anschluss" 1938 im Fokus nationalsozialistischer Arisierungsmaßnahmen dargestellt am Beispiel des Bürgertheaters (Diplomarbeit, Universität Wien 2009), Fußnote 155. (WStLA ist das Wiener Stadt- und Landesarchiv, die Zeugen waren Paul Hörbiger und der jüdischstämmige Operettenkomponist Edmund Eysler.)
Oha. Anscheinend doch kein Widerstandskämpfer, sondern ein Nazi - denn es handelt sich hier tatsächlich um "unseren" Friedrich Fronz. Dass er der Sohn von Oskar Fronz jr. war, hat er freundlicherweise selbst bestätigt (denn sonst fand ich diese biografische Information nirgends): In einem kurzen autobiografischen Text (der stark mit Übertreibungen und Flunkereien angereichert ist), den eine Klosterneuburger Zeitung anlässlich seines Todes abdruckte, geht er auch auf seine Verwandtschaftsverhältnisse ein. Kurios: Fronzens Hang zum "Ausschmücken" (um das mal freundlich zu formulieren) machte auch vor seinem Vater nicht halt. Oskar Fronz jr. war, wie zuvor schon dessen Vater Oskar Fronz sen., Direktor des Wiener Bürgertheaters. Doch Friedrich Fronz "beförderte" den Herrn Papa kurzerhand zum Direktor und Erbauer (!) des weit bedeutenderen Burgtheaters. Seine Nonchalance in diesen Dingen ist schon verblüffend. Höhepunkt dieser "Mini-Memoiren" ist aber zweifellos, dass sich Fronz darin selbst zum Mitglied der Académie française erklärt. Man reibt sich verwundert die Augen, doch es steht wirklich da: "ich wurde zum Mitglied der Academie Francaise ernannt". Angesichts solcher Aufschneiderei sollte man Fronzens Behauptung (die sich in der eBay-Biografie wiederfindet), er habe in seinen jungen Jahren das Reinhardt-Seminar besucht und sei Burgschauspieler gewesen, mit einer gehörigen Portion Skepsis entgegentreten, solange nicht jemand an diesen Institutionen Nachforschungen anstellt und das bestätigen kann (ich habe in diese Richtung keine Recherchen unternommen).

Frank Roberts, der Sänger


Als "Frank Roberts" trat Fronz nicht nur in seinen Filmen auf, sondern unter diesem Pseudonym verfolgte er in den Jahren von 1955 bis 1965 auch eine (nur mäßig erfolgreiche) Karriere als Schlagersänger. Nun ja, vielleicht sollte man besser "Schlagersprecher" sagen, denn die Mehrzahl der Aufnahmen (oder vielleicht alle?) zeichnet sich durch einen eigenwilligen Sprechgesang aus. "Maloja", die B-Seite der Single "Jonny" (1957), fand Eingang in Vol. 1 der vor einigen Jahren auf CD und Vinyl erschienenen Anthologie Schnitzelbeat (es gibt auch ein Begleitbuch) und ist derzeit auch auf YouTube zu finden - unbedingt mal anhören! Im Bonusmaterial der Fronz-DVDs (es ist auf beiden Scheiben identisch) finden sich gar sieben Titel mit einer Gesamtlänge von 21 Minuten. - Für den Soundtrack der Rahmenhandlung von ROULETTE D'AMOUR aka BARON PORNOS NÄCHTLICHE FREUDEN ist Fronz noch einmal zum Sprechgesang zurückgekehrt, ebenso wie für VIA EROTICA, wo auch ein bisschen echter Gesang von Fronz (zusammen mit einer Eva Bardos) zu hören ist (und das klingt - mit Verlaub - ziemlich bescheiden).

Parallel zur Schlagerkarriere betätigte sich Fronz in dieser Schaffensphase (oder vielleicht auch schon vorher) auch als Autor von Groschenheftromanen, oder, wie es auf einer Seite des Filmarchiv Austria heißt, als "Schundheftlautor". Welche Namensvariante er dafür benutzte, ist mir nicht bekannt.

Friedrich Fronz und die Wiener Gartenschauen


1964 und 1974 fanden nach dem Vorbild der deutschen Bundes- und Landesgartenschauen die beiden Wiener Internationalen Gartenschauen (WIG 64 und WIG 74) statt, und Fronz war an beiden organisatorisch beteiligt. Was genau er 1964 gemacht hat, weiß ich nicht, er war aber sicher nicht der Chef oder der Hauptorganisator der Veranstaltung (wie es die eBay-Biografie suggeriert), denn das war der Stadtgartendirektor Alfred Auer. Seinen eigenen Bekundungen nach hat er wohl als Angestellter der Wiener Stadthallen-Betriebsgesellschaft diverse Sonderausstellungen, Modenschauen und dergleichen im Rahmen der Gartenschau organisiert.

Die WIG 74 fand am Südosthang des Laaer Bergs statt. Dort hatte einst in den frühen 20er Jahren der Großproduzent Sascha Kolowrat einige Kolossalfilme drehen lassen, darunter SODOM UND GOMORRHA von Michael Curtiz (damals noch Mihály Kertész), und in den 50er Jahren drehte hier Kurt Steinwendner die Episode ANNI seiner WIENERINNEN. Auf diesem filmgeschichtsträchtigen Areal also wurde die zweite (und bis jetzt letzte) der Wiener Gartenschauen ausgerichtet, und Friedrich Fronz (den "Frits" benutzte er nur als Regisseur und vielleicht als Heftautor) wurde damit betraut, mit der von ihm dafür gegründeten Erholungs-Veranstaltungs-Ausstellungsgesellschaft (EVA GmbH, etwas später hieß sie dann wohl Ausstellungs- und Veranstaltungsgesellschaft, AVG) den in die Gartenschau integrierten Vergnügungspark zu betreiben. Fronz hatte Großes vor. In der österreichischen Zeitschrift Profil konnte man 1973 in einem Vorbericht Folgendes lesen:
Fronz führt in Eigenregie den 70.000 Quadratmeter großen Vergnügungspark. "Unser größter Stolz ist Arabien", freut sich Fronz, "wir bieten einen ägyptischen Nachtklub mit Bauchtanz und auch einen Bazar mit lauter Negern im Nachthemd." [...] Neben einem Vergnügungspark mit Riesenrad bietet Fronz ein "kulinarisches Festival der Nationen", bei dem Nationalspeisen in Bauten, die ein Filmarchitekt entworfen hat, angeboten werden.
1974 hieß es in einem weiteren Artikel im Profil:
Professor Fritz Fronz (Freunde sagen, er habe sich eines Tages selbst dazu ernannt) war endlich auch Direktor. Fast ein kleiner Messe-Direktor, als er - wie er überall kundtat - vom mächtigen Wiener Stadtgartenamtsdirektor Alfred Auer "ersucht wurde, die Leitung des Vergnügungsparks zu übernehmen". Fronz: "Ich war ja auch der einzige, der auf der WIG 64, die eine finanzielle Katastrophe war, für die Gemeinde 8,5 Millionen Schilling Gewinn erwirtschaftet hat." Sein WIG-74-Auftrag, den er "auf Grund guter Beziehungen" (Fronz) auch als Gemeindebediensteter mit Sondervertrag und gutem Gehalt hätte durchführen können, lautete: Organisation eines Vergnügungsparks mit angeschlossenem Campingplatz. Fronz zog - blühende Geschäfte vor Augen - Eigenverantwortlichkeit mit der AVG vor.
Doch der Vergnügungspark wurde von technischen Pannen geplagt, was erheblichen Unmut unter den Schaustellern auslöste, der sich gegen Fronz richtete. Und trotz der "Neger im Nachthemd" kamen weit weniger zahlende Gäste als erhofft, und der Vergnügungspark schlitterte in ein finanzielles Debakel. Fronz wurde denn auch später des Öfteren als "WIG-Pleitier" bezeichnet. In der Zeitschrift Wochenpresse war 1982 zu lesen: "In einer ellenlangen Epistel an die WOCHENPRESSE beteuert er, "niemals ein Pornofilmer" und ebensowenig "WIG-Pleitier" gewesen zu sein. Seine gewundene Interpretation: Der wahre WIG-Pleitier wäre die Gemeinde Wien [...]". Die österreichische Justiz mochte sich dieser Sichtweise aber nicht anschließen. Denn 1979 (also mit einiger Verspätung) stand Fronz wegen dieser Angelegenheit vor Gericht. Im selben Artikel in der Wochenpresse konnte man lesen:
Vor den Kadi kam er jedenfalls 1979 als Spätfolge der verunglückten Wiener Internationalen Gartenschau (WIG) 1974. Dort hatte Fronz den Maitre de plaisier gegeben. Und war durchgefallen, "weil das Wetter so schlecht war, so daß nur ein paar Rotznaserln zum Ringelspiel [Karussell] gekommen sind" (Fronz). Der Vergnügungspark ging pleite. Wegen fahrlässiger Krida setzte es zehn Monate bedingt [also auf Bewährung] für den verhinderten Spaß-Macher.
Was übrigens den "Pornofilmer" betrifft, so ist Fronz mit Gegendarstellungen und mindestens einmal mit einer Klage wegen übler Nachrede gegen die Wochenpresse dagegen vorgegangen, so bezeichnet zu werden. Wie das Verfahren ausging, ist mir nicht bekannt. - Eine weitere Begründung für das Scheitern des Vergnügungsparks konnte man schon 1976 in der Wochenpresse lesen:
"Zuletzt", so Fronz, der stets vom Unglück zu Unrecht Betroffene, "ist noch der Bundespräsident Franz Jonas gestorben, da ist dann überhaupt keiner mehr gekommen, und wir mußten aus Pietätsgründen auch alle Veranstaltungen absagen."
Aus Ausgaben der Kronen Zeitung und der Klosterneuburger Zeitung vom September 1979 erfährt man weitere interessante Details über den WIG-Prozess. Nicht nur Fronz stand vor Gericht, sondern auch seine Frau und seine Geschäftspartner Alfred Josef und Viktor Marischka, und es gab weitere Anklagepunkte, darunter den skurrilen Tatbestand "Baumdiebstahl". In den meisten dieser weiteren Punkte erfolgten keine Verurteilungen, teilweise allerdings nur, weil die Delikte inzwischen verjährt waren. Bei der WIG-Pleite wurde Fronz konkret zur Last gelegt, dass er viel zu wenig Eigenkapital eingebracht habe: Nur 100.000 Schilling bei nötigen Investitionen von rund 20 Mio. Schilling. Der Wechselkurs von Schilling zu Mark war ungefähr 7:1, das Eigenkapital betrug also umgerechnet ca. 14.000 DM - auch inflationsbereinigt ein mickriger Betrag für ein Projekt dieser Größenordnung.

Für uns interessant ist bei diesem Prozess noch die ebenfalls verhandelte Pleite der Marischka Film Ges.m.b.H. Die Fronz-Filme wurden von einem Firmengeflecht aus Marischka Film, Süd-Ost Film und Belvedere Film produziert und vertrieben. Viktor Marischka, ein Mitglied des verzweigten Marischka-Clans (Ernst, Hubert, Georg, Franz etc.) war "offizieller" Produzent der Filme, aber Fronz war finanziell auch an den Firmen beteiligt und somit "stiller" Co-Produzent (in den Credits taucht er in dieser Funktion nicht auf). Weil die Süd-Ost Film und die Marischka Film irgendwann um 1970 herum pleite gingen, warf man Fronz und Marischka ebenfalls fahrlässige Krida wegen zu geringen Eigenkapitals vor. Darüber hinaus wurde ihnen zur Last gelegt, die Gläubiger geprellt zu haben, indem sie Vermögenswerte an die neu gegründete Europa Film Ges.m.b.H. transferierten, die Alfred Josef, dem Produktionsleiter der Fronz-Filme, und Fronz' Frau gehörte. Frau Fronz, Alfred Josef und Ernst Marischka wurden mangels haltbarer Anklagepunkte freigesprochen, aber Fronz wurde möglicherweise nur durch die inzwischen eingetretene Verjährung vor einer noch schwereren Strafe gerettet, und wenn er sich korrekt verhalten hätte, dann hätte es seine letzten beiden Filme vielleicht gar nicht gegeben. - Seine Filme haben "ganz schön viel Geld eingespielt", sagte Fronz einmal in einem Interview mit der Zeitung Kurier, aber die Firmenpleiten wecken gewisse Zweifel an dieser Darstellung.

Als kleine vorgezogene Wiedergutmachung für die Schmach der Krida-Verurteilung gab es einen Orden von unerwarteter Seite:
Die Brust von Professor Friedrich O. Fronz, Direktor des Vergnügungszentrums der WIG 74, blieb nicht lange ungeschmückt. Am vergangenen Wochenende überreichte der Botschafter Panamas, Irwin Gill, dem verdienten Lustbarkeitsgestalter den panamesischen Verdienstorden "Eloy Alfaro". Laut einhelliger Meinung der bei dem Festakt anwesenden Prominenz seien die Beziehungen Panamas zur WIG 74 ausgezeichnet.
(Profil, 1974)

Fronz in einer der Rückblenden in ROULETTE D'AMOUR (1969)

Friedrich Fronz, der Ordensritter


"Seine Exzellenz, Handelsrat Professor Friedrich Fronz-Frundsberg" - klingt eindrucksvoll, oder? Doch wir erinnern uns: "Freunde sagen, er habe sich eines Tages selbst dazu ernannt". Und wiederum 1982 in der Wochenpresse liest man:
Dieser, der Klosterneuburger Gemeinderat Fritz Fronz, hat eine bunte Vergangenheit: als Regisseur pikanter Streifen und WIG-Pleitier. [...] [Er] garniert sich gern mit dem Titel "Professor", den ihm, völlig unakademisch, eine "Akademie für europäische Politik" mit Sitz in Brüssel geliehen hat [...]
Das Professorenproblem wurde sogar amtlicherseits behandelt. Wie man im oben schon zitierten Wochenpresse-Artikel von 1976 lesen konnte, ging bei einem zuständigen Ministerialrat im Bundesministerium für Unterricht und Kunst eine Anfrage zum auf Fronzens Visitenkarte prangenden Professorentitel ein, und der Beamte antwortete wie folgt:
Ich bestätige den Erhalt Ihrer obbezogenen Schreiben in der Angelegenheit des Titels 'Professor' des Herrn Direktors Friedrich O. Fronz, wohnhaft ..., und muß Ihnen mitteilen, daß im hierortigen Ressortbereich keine Anhaltspunkte zu finden waren, die Herrn Direktor Fronz berechtigen, den Amtstitel oder Berufstitel 'Professor' zu führen.
Über den "Handelsrat" habe ich nichts Konkretes gefunden, aber es würde mich nicht im Geringsten wundern, wenn sich Fronz auch diesen Titel selbst verliehen hätte. Und der "Frundsberg"? Ich habe nirgendwo einen Hinweis darauf entdeckt, dass Fronz diesen Namenszusatz auf legalem Weg (also etwa durch Heirat oder durch eine gekaufte Adoption) erworben hat. Außerdem trat Fronz außerhalb des Ordenskontexts auch in seinen späten Jahren als "Fronz" und nicht als "Fronz-Frundsberg" auf den Plan, und selbst innerhalb des Ordens tritt der "Frundsberg" nicht immer in Erscheinung - er fehlt z.B. in der im übernächsten Absatz erwähnten Urkunde. Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass der "Frundsberg" frei erfunden ist.

Und was ist nun mit diesem Orden selbst? Der Ritterorden "Ordines Internationales Pro Concordatia Populorum", wie er zeitweise hieß (der Orden wurde ein- oder zweimal umbenannt und umstrukturiert), hat sich der Völkerverständigung und karitativen Aktivitäten verschrieben. Laut offizieller Timeline auf seiner englischsprachigen Website wurde der Orden 1961 in den USA (!) von Antoni G. Zyngale gegründet - das ist ein sehr mysteriöser Herr, an dem sich Google die Zähne ausbeißt. Wir werden den Grund dafür gleich kennenlernen. Ebenfalls laut Timeline trat Fronz 1973 in den Orden ein und gründete die österreichische Generalpräfektur. Und schon 1976 wurde er Großmeister (also Chef) des gesamten Ordens. Im selben Jahr gab es (wiederum laut Selbstauskunft des Ordens) eine Art Anerkennung durch den damaligen UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim (der später als österreichischer Bundespräsident wegen seiner NS-Vergangenheit eine schwere Belastung für das Land wurde), sowie einen apostolischen Segen durch den Papst - allerdings durch Papst Paul II., und der amtierte im 15. Jahrhundert. Nun ja, gemeint ist natürlich Paul VI.

"Das Generalkapitel der Generalpräfekten Europas hat bei seiner Sitzung am 21. Oktober 1989 in Schwyz einstimmig beschlossen der Stadtgemeinde Klosterneuburg als erster Stadt Europas den Titel Stadt der Völkerverständigung zu verleihen. Gegeben zu Schwyz, den 21. Oktober 1989". So heißt es in einer pompös gestalteten Erhebungsurkunde, und als Zeugen werden darin der Großmeister (also Fronz), der Großkanzler und die neun weiteren Generalpräfekten des Ordens aus verschiedenen Ländern aufgeführt. Die niederösterreichische Kleinstadt Klosterneuburg, nicht weit von Wien entfernt und Fronzens Wirkungsstätte in seinen späten Jahren, ist nicht nur die erste, sondern die bislang einzige Stadt, der diese Ehre zuteil wurde.

Wolfgang Bäck, der stellvertretende Leiter des Klosterneuburger Stadtarchivs, veröffentlichte in der Ausgabe 7/2014 des Klosterneuburger Amtsblatts auf S. 29 einen kurzen, aber aufschlussreichen Artikel zum 25-jährigen Jubiläum dieses "erhebenden" Ereignisses. Und in diesem Artikel steht Erstaunliches:
Nach dem plötzlichen Ableben von Großmeister Prof. Fronz im August 1990 durchlebte der IPC Orden eine innere Umstrukturierung. Recherchen der neuen Ordensleitung ergaben, dass die europäischen Präfekturen und auch der amerikanische Gründer des elitären Ordens nur Fantasiegebilde waren.

25 Jahre später scheint es fast, als sei dieses noble Ansinnen der Verleihung des Titels "Stadt der Völkerverständigung" ein wenig erfolgreicher Werbefeldzug für den lokalen Fremdenverkehr gewesen zu sein. Der lokale Vertreter der Internationalen Esperanto Bewegung pflegt als Einziger seit 1990 die Verbreitung dieses Titels unserer Babenbergerstadt.
Hoppla! Da wäre also schon mal die Identität des mysteriösen amerikanischen Ordensgründers geklärt - es gab ihn gar nicht. Die sich daraufhin aufdrängende Vermutung, dass in Wirklichkeit Fronz selbst den Orden gegründet und sich selbst zum Großmeister ernannt hat, hat Wolfgang Bäck auf meine Anfrage hin zwar nicht explizit bestätigt, weil die Ordensgründung für ihn nebulös ist, aber aus Presseartikeln, die mir Herr Bäck freundlicherweise gemailt hat, geht schon recht deutlich hervor, dass Fronz selbst den Orden gegründet hat. Das scheint damals auch allgemein bekannt gewesen zu sein, geriet aber anscheinend im Lauf der Zeit etwas in Vergessenheit. Laut dem oben zitierten Wochenpresse-Artikel von 1976 erfolgte die Gründung 1975. Es kann auch nicht später gewesen sein, denn im WIG-Prozess wurde nebenbei auch über nicht oder nur verspätet bezahlte Rechnungen für kulinarische Festivitäten des Ordens verhandelt, und die datieren auf November und Dezember 1975. Die Ernennung zur "Stadt der Völkerverständigung" hat Fronz wohl mehr oder weniger im Alleingang beschlossen. Und wie steht es eigentlich mit Waldheim und dem Papst? Ich weiß es nicht sicher, denn auf Recherchen bei der UNO und im Vatikanischen Geheimarchiv habe ich verzichtet, aber wahrscheinlich ist das auch nur Humbug. Auf jeden Fall beschlich mich irgendwann der Verdacht, dass der Orden zumindest in seiner Anfangszeit nur so etwas wie eine ganzjährige Faschingsveranstaltung von einigen Leuten mit einem Faible für Pomp und Brimborium war.

Nach der Ordensgründung gab es ein bisschen Gegenwind von zweierlei Seiten. Einerseits von den "echten", also schon länger bestehenden Orden, die da einen Möchtegern-Orden am Werk wähnten. "Das ist eine Täuschung von gutgläubigen Leuten, die annehmen, daß sie einem Orden beitreten und tatsächlich einem Geselligkeitsverein angehören", giftete ein Vertreter des "Ordens des Heiligen Lazarus von Jerusalem". Nun ja, man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass Ritterorden im 20. und 21. Jahrhundert generell bizarre Anachronismen sind, aber das soll hier nicht weiter erörtert werden. Ein kleines Gegenlüftchen kam auch von behördlicher Seite. Fronz wurde in die Wiener Polizeidirektion zitiert, wo man ihn belehrte, dass weltliche Ritterorden in Österreich per Gesetz seit 1919 aufgehoben sind. Fronz sah sich genötigt darauf zu verweisen, dass sein Verein ja eigentlich nur eine "Gesellschaft für Völkerverständigung" sei. Das hielt ihn in der Folge aber nicht davon ab, eben doch den Charakter als Orden mit Großmeister, Zeremonien etc. zu zelebrieren. Es scheint aber bei dem einmaligen Rüffel geblieben zu sein, jedenfalls ist mir von ernsthaften Schwierigkeiten des Ordens mit den Behörden nichts bekannt.

Angestoßen wurde Fronzens Großmeisterkarriere möglicherweise durch seine Bekanntschaft mit dem österreichischen Tierarzt Friedrich Perko, dem Gründer und "Ordensgeneral und Souverän" des Abendland-Ordens. Allerdings habe ich zwei recht unterschiedliche Versionen dieser Geschichte gelesen. Laut Wochenpresse war Fronz kurzzeitig Mitglied im französischen Zweig der "Lazarit(t)er" in Österreich, wurde aber aus einem im Artikel nicht genannten Grund bald wieder hinauskomplimentiert. "Da haben sie mir die 10.000 Schilling Aufnahme-'Opfer' wieder zurückzahlen müssen", meinte Fronz in der Wochenpresse-Version der Geschichte. In dieser Version war Perko zunächst ein Freund von Fronz und hat ihm bei der Gründung des Vereins geholfen und war sogar selbst Mitglied und "Ehrenpräsident", ist dann aber gekränkt wieder ausgeschieden, weil Fronz der Polizei gegenüber wohl Perko dafür verantwortlich machte, dass der Orden wie ein Orden auftrat.

Die andere Version der Geschichte steht in einem recht sarkastischen Artikel über Perkos Abendland-Orden in einer Ausgabe des Profil von 1977. Darin wird dieser Orden als eine Versammlung von gut betuchten eitlen Herren in Operettenuniformen, die sich gegenseitig die Ämter und Würden zuschanzen oder sich die Titel praktischerweise gleich selbst verleihen, geschildert. Laut Profil war auch Fronz kurzzeitig Mitglied im Abendland-Orden. Es wird in dem Artikel nicht explizit gesagt, aber der Eindruck erweckt, dass Fronz nach ein paar Monaten im Orden wieder rausflog, weil man erst dann seine Vergangenheit als Sexfilmer entdeckte. Falls das wirklich so war, könnte er frei nach Bert Brecht gedacht haben, was ist schon die Mitgliedschaft in einem Orden gegen die Gründung eines Ordens? Aus seinem eigenen Orden konnte ihn jedenfalls keiner rauswerfen.

Vielleicht gab es aber auch einen anderen Grund für die Ordensgründung als Lust an Prunk und Bombast oder gekränkte Eitelkeit nach einem Rauswurf. Die Arbeiter-Zeitung kolportierte im Februar 1990, wenige Monate vor dem Tod des Großmeisters, das Folgende:
In einer Hinterhofwohnung auf der Landstraße 33a im dritten Wiener Gemeindebezirk etablierte er [Fronz] seinen Orden. An einer überdimensional langen Tafel versammelt Großmeister Fronz seine Getreuen zur Sitzung der Ordensregierung. Auf goldlackierten Modeschau-Stühlchen sitzend, umgeben von Hunderten Farbaufnahmen diverser Ritterschläge, lauschen die Auserwählten den Ausführungen des Meisters. Dabei geht es um mystische Visionen und natürlich um den Sinn des Lebens. Obwohl sie es immer wieder heftigst dementieren, wollen Gerüchte nicht verstummen, derlei Firlefanz würde den Rittern eine Stange Geld kosten. Man spricht von 60.000 bis 100.000 Schilling Aufnahmegebühr und einem jährlichen Mitgliedsbeitrag von mindestens 5000 Schilling.
Nach dem Tod von Fronz zerfiel der Orden in zwei konkurrierende Nachfolge-Orden, jeweils mit eigenem Großmeister. "Wir sind historisch betrachtet der einzig legitime Nachfolger der Vereinigung", meinte ein Vertreter der einen Seite im Februar 2009 in einem Bezirksblatt, und auf der Gegenseite (die mit der englischsprachigen Website) sieht man das sicher genau andersrum. Es sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese beiden Konkurrenzorden nicht mehr unbedingt viel mit den Verhältnissen zu Fronzens Zeiten zu tun haben müssen. Irgendwann haben anscheinend beide mit echten karitativen Aktivitäten begonnen, ich bin dem aber nicht weiter nachgegangen.

Friedrich Fronz, der grüne Politiker


"1975-1990 Politiker, Gründervater der Partei 'Die Grünen Österreichs - Partei der Unzufriedenen'" - so steht es in Fronz' Kurzbiografie im Bonusmaterial der beiden DVDs. Das interpretierte der eine oder andere Blogger oder Journalist dahingehend, Fronz sei der Gründer der Grünen in Österreich gewesen. Dazu muss man allerdings wissen, dass die österreichischen Grünen nicht mit einem Knall auf die Welt kamen und dann in der heutigen Form existierten, sondern über Jahre hinweg aus vielen kleinen und sehr kleinen Parteien, Bürgerinitiativen und sonstigen Gruppierungen entstanden sind. Und das ging nicht ohne politischen Richtungsstreit und Verdrängungswettbewerb. Den Gründer der österreichischen Grünen konnte es unter diesen Umständen gar nicht geben. Und das Spektrum der damals aktiven Parteien, die "grün" im Namen hatten, reichte von links-alternativ über bürgerlich-konservative Umweltschützer bis zum rechten Rand - einige der Gruppen waren mehr braun als grün. (Das war in Deutschland auch nicht anders, man erinnere sich an so völkische Gestalten wie Baldur Springmann.) Somit stellten sich mir die Fragen, wo in diesem Spektrum von links bis rechts Fronz angesiedelt war, und wie groß sein Beitrag zur Formierung der heutigen Grünen tatsächlich war.

In einem Artikel im Spiegel vom Januar 1983 kommt das Blatt auf aktuell 36 "grüne" Parteien. Die von Fronz wird immerhin unter den wichtigsten fünf aufgeführt, und sie heißt hier ebenfalls "Die Grünen Österreichs - Partei der Unzufriedenen", was die Angaben auf den DVDs zu bestätigen scheint. Das Problem dabei ist allerdings, dass dieser Name in einer offiziellen Liste des österreichischen Innenministeriums über alle Parteienregistrierungen seit Mitte der 70er Jahre gar nicht auftaucht (und auch keine andere Partei mit irgendwelchen "Unzufriedenen"). Die schon existierenden Altparteien wie SPÖ, ÖVP, FPÖ und KPÖ wurden damals aus irgendeinem Grund auch alle nochmal registriert, das bietet also kein Schlupfloch. Auch in der österreichischen Presse jener Jahre scheinen die "Unzufriedenen" nicht aufzutauchen, jedenfalls findet Google nichts. In der offizellen Liste gibt es aber vier andere Parteien, die "Die Grünen Österreichs" (jeweils mit einem anderen Namenszusatz) hießen, und drei davon wurden 1982 registriert - vielleicht war eine davon die von Fronz (mehr darüber gleich weiter unten).

Klarheit herrscht dagegen darüber, dass Fronz von 1980 bis 1990 im Gemeinderat von Klosterneuburg saß, und zwar zunächst für eine von ihm geführte Liste. Doch bei deren genauer Bezeichnung beginnt schon wieder die Unklarheit - mal ist von "Grüne Liste" die Rede, mal von "Grüne Mitte" und mal von einer "Liga für Umweltschutz". Damit war Fronz einer der ersten im weiten Sinne grünen Mandatsträger in Österreich, aber nicht der erste (wie gelegentlich zu lesen ist). Die Bürgerliste, die Schauspieler Herbert Fux mit zwei Mitstreitern gegründet hatte, gewann schon 1977 zwei Gemeinderatssitze in Salzburg (deren einen Fux selbst wahrnahm), und Josef Buchner, später Vorsitzender der bürgerlichen Vereinte Grüne Österreichs (VGÖ), wurde 1979 für eine Umweltschutz-Bürgerinitiative Vizebürgermeister in Steyregg. Trotzdem, man kann Fronz durchaus noch als einen Pionier grüner Lokalpolitik in Österreich bezeichnen.

Und wo stand er nun im Spektrum von Links bis Rechts? Werfen wir kurz einen Blick in die eBay-Biografie:
Parallel dazu begann er sich mir der aufkeimenden Ökologiebewegung zu beschäftigen. In kurzer Zeit gehörte er zu den prominenten Vertretern der sogenannten "Bürgerlichen Grünen" - jenem vernünftigen Teil der Grünbewegung, der in den Achtzigerjahren endgültig von den linkslinken Chaoten in dieser Partei ausgemerzt wurde. Friedrich Fronz war Präsident der von ihm mitbegründeten Österreichischen Liga für Umweltschutz und ab 1980 Gemeinderat der Grünen in Klosterneuburg. Von den andauernden Grabenkämpfen zwischen Vernunft und bolschewistischer Indoktrination innerhalb der frühen Grünbewegung angewidert zog er sich immer weiter zurück und beschränkte seine umweltbewegte Tätigkeit auf die journalistische Ebene.
Das legt erstens nahe, dass Fronz nicht zu den Gründern der heutigen Grünen in Österreich gehört, und zweitens verortet es ihn im konservativen Teil des grünen Lagers (und ins konservative Lager - ob nun grün oder nicht - gehört offensichtlich auch der Schreiber dieser Biografie). Alle erreichbaren Hinweise bestätigen das, und Fronz selbst sagte mal "ich war mein ganzes Leben ein Bürgerlicher" von sich, wie man 1982 in der Wochenpresse lesen konnte.

In diesem Jahr 1982 strebte Fronz nach Höherem als der Lokalpolitik (und das ist der Grund für die verstärkte Berichterstattung über ihn). Im schon mehrfach zitierten Wochenpresse-Artikel aus diesem Jahr liest man:
Fritz Fronz ist wieder wer.
Am vergangenen Wochenende wurde der Exschauspieler, Exregisseur und Exausstellungsmanager zum Bundesobmann des Dachverbandes der "Grünen" gewählt.
Der eloquente Zweiundsechzigjährige - Fronz: "Gegen Kreisky und Reagan bin ich ja a Lausbua!" - schaffte es, seine Klosterneuburger "Liga für Umweltschutz", für die er seit 1980 im Gemeinderat der Babenbergerstadt auftritt, mit der "Grün"-Riege des Wiener Juristen und ehemaligen Entwicklungshelfers Johann Wallner und dem "Grünen Forum" der ehemaligen ÖVP-Katastrophenfrau Elisabeth Schmitz unter einen Hut zu bringen.
Das ist offensichtlich die im Spiegel erwähnte Partei, die offiziell vielleicht "Die Grünen Österreichs" (mit irgendeinem Namenszusatz) hieß. Es fällt auf, dass das "Grüne Forum" von Elisabeth Schmitz vom Spiegel im Januar 1983 noch als eigenständige Partei aufgeführt wird. Entweder war der Spiegel da nicht ganz auf dem aktuellen Stand, oder die Vereinigung von 1982 war so kurzlebig, dass sich Frau Schmitz mit ihrer Gruppierung schon wieder selbständig gemacht hatte. Wie auch immer - irgendein politischer Erfolg war der von Fronz geführten Partei nicht beschieden, und bei der Nationalratswahl 1983 trat sie gar nicht erst an. Dagegen kandidierten hier die VGÖ und die links-alternative Alternative Liste Österreichs (ALÖ). ALÖ-Mitglied Fritz Zaun begründete schon 1982 die Kandidatur u.a. damit, dass man "das Feld nicht Papiertigern wie Schmitz, Fronz, Wallner und Co. überlassen" dürfe, und Alexander Tollmann, VGÖ-Chef vor Buchner, distanzierte sich ebenfalls schon 1982 "ausdrücklich" vom "Fronz-Verein". Elisabeth Schmitz wiederum bezeichnete Tollmann als einen "völlig apolitischen Wissenschaftler [er war Geologe] mit Platzhirschgebaren", und Herbert Fux, zunächst noch in der VGÖ, war laut Schmitz "für anständige Frauen nicht wählbar", denn er sei "ein präpotenter Bumser", der "mit seinem Spitzeneinkommen und seiner ausschweifenden Lebensweise genau das Gegenteil eines grünen Alternativen" sei. Dazu muss man wissen, dass es damals in einer Zeitschrift eine Schmutzkübelkampagne gegen Fux mit erfundenen Geschichten über sein Sexleben gab. Fux wurde daraufhin aus der VGÖ ausgeschlossen und wollte entnervt die Politik aufgeben, machte dann aber doch weiter. Es herrschte also ein ziemliches Hauen und Stechen damals, nicht nur zwischen Links und Rechts in der Grün-Bewegung, sondern auch zwischen verschiedenen bürgerlichen Fraktionen. "Linkslinke Chaoten" und "bolschewistische Indoktrination", wie es in der eBay-Biografie heißt, brauchte es dafür gar nicht.

VGÖ und ALÖ verfehlten 1983 beide den Einzug in den Nationalrat deutlich, machten jedoch weiter, und nach etlichen Querelen und Misserfolgen bei Landtagswahlen bildete man bei der nächsten Nationalratswahl 1986 eine gemeinsame Liste, die mit acht Abgeordneten (darunter Herbert Fux) in das Parlament einzog. Daraus wurden dann nach weiteren Geburtswehen die heutigen Grünen.

Fronz hatte sich bis dahin schon längst neu orientiert. 1984 vermeldete Profil süffisant:
Fritz Fronz, Hansdampf in allen Polit-Gassen, notorischer Ordensgründer und derzeit grüner Gemeinderat von Klosterneuburg, startet zu einer neuen Karriere: Er wird Umweltkonsulent von Niederösterreichs Landeshäuptling Siegfried Ludwig. Im Klosterneuburger Gemeinderat kolportiert man dazu Schlüssiges: Ludwig sei auch schon an Fronzens Orden interessiert.
Honi soit qui mal y pense ... Klosterneuburgs langjähriger Bürgermeister Gottfried Schuh (ÖVP) wurde 1989 tatsächlich zum Ordensritter unter Großmeister Fronz geschlagen. Man beachte übrigens, dass auch Landeshauptmann Ludwig der ÖVP angehörte. Überregionale politische Ambitionen mit einer Grünpartei, die mit diesem Posten bei Siegfried Ludwig wohl kaum vereinbar gewesen wären, hat Fronz also offenbar spätestens 1984 aufgegeben. Fronz' neue Tätigkeit hat wohl auch eine generelle Annäherung an die ÖVP widergespiegelt. Seine zweite Amtszeit im Gemeinderat, also 1985 bis 1990, errang er gar nicht mehr als Kandidat irgendeiner Grünpartei, sondern für eine parteiunabhängige "Klosterneuburger Wahlgemeinschaft". Und in einem Nachruf konnte man lesen: "Für Dr. Paul Weber [den Vorsitzenden der Klosterneuburger Wahlgemeinschaft] war er ein stets loyaler Partner, für die ÖVP nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im Gemeinderat praktisch der 21. Mann (Geheimwort "Jolly Joker")[...]". Fronz hatte auch enge Beziehungen zum prominenten ÖVP-Politiker Josef Höchtl, der gemeinsam mit ihm im Gemeinderat von Klosterneuburg saß.

Um noch mehr über Fronz' grüne Phase zu erfahren, habe ich die gefragt, die es wissen sollten, nämlich die Grünen. Die haben auch freundlich geantwortet, wussten aber doch nicht so viel, wie ich gehofft hatte. "Spontan sagte mir der Name [Fronz] nichts, aber das will nichts heißen", schrieb mir Monika Bargmann vom Grünen Archiv. Immerhin fand sich im Archiv noch die Information, dass Fronz 1982/83 eine Zeitschrift herausgab, die zuerst Grüne Mitte Österreichs für Wien, Niederösterreich und Burgenland und dann Grünes Österreich hieß, und ich bekam die Links zur Parteienliste des Innenministeriums und zum Stadtarchiv Klosterneuburg.

Als Fazit von Fronzens Polit-Karriere lässt sich festhalten:
- Fronz war ein früher Vertreter der Umweltbewegung in Österreich, stand damit aber nicht allein auf weiter Flur
- innerhalb des grünen Spektrums stand er im bürgerlich-konservativen Lager
- er war 1980-90 Gemeinderat in Klosterneuburg und damit ein früher (aber nicht der erste) grüne Mandatar in der österreichischen Lokalpolitik
- 1982 vereinigte er seine Liste mit zwei anderen zu einer größeren Partei unter seiner Führung, die jedoch erfolglos blieb
- Fronz gehörte nicht zu den Gründern der heutigen Grünen Partei in Österreich

Fronz in der Rahmenhandlung von ROULETTE D'AMOUR
Friedrich Fronz starb 1990 mit 71 Jahren in Klosterneuburg an einer Blutung der Aorta, wohl Folge eines Aneurysmas. Er wusste um diese Gefahr, scheint aber sonst bei guter Gesundheit gewesen zu sein, denn sein Tod wurde als "plötzlich" und "überraschend" bezeichnet. - Wenn man über Fronz recherchiert, dann stößt man auf ein Gewirr von unklaren, widersprüchlichen und falschen Informationen, und die meisten Nebelkerzen hat Fronz selbst gezündet. Und man stößt auf Fakten, die man sich mühsam aus alten Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln zusammenklauben muss. Ein Artikel wie dieser, der nur auf Recherche per Google und Email beruht, muss da Stückwerk bleiben. Für einen Fronz-Biografen (falls sich mal einer findet) gäbe es da viel zu tun, es würde sich aber auch lohnen, denn Seine Exzellenz Handelsrat Professor Dr. h.c. (vermutlich auch erfunden) Friedrich Oskar (oder Otto) Fronz-Frundsberg alias Frits Fronz, der für einen seiner Filme den "Goldenen Büstenhalter" zugesprochen bekam, war schon eine schillernde Figur.

Sonntag, 15. November 2015

Möwen, Schweine und Schwäne: Eindrücke von der Viennale 2015


Donnerstag, 29. Oktober

17.30 Uhr, Gartenbaukino
DHEEPAN
Jacques Audiard
Frankreich 2015
100 Minuten, DCP

Der Soldat der Tamil Tigers Dheepan, der eigentlich anders heißt, gibt sich als Ehemann einer ihm unbekannten jungen Frau und Vater eines kleinen Mädchens aus, um fliehen zu können. Mit Yalini und Illayaal, die eigentlich auch anders heißen und sich bis kurz vor der Flucht ebenso wenig kannten, reist er nach Frankreich und nimmt einen Job als Hausmeister in einem von Drogenbanden kontrollierten Pariser Vorort an. Dort lernt er seine „Frau“ und seine „Tochter“ langsam lieben, gerät aber auch in die Fronten eines Bandenkriegs.

DHEEPAN hat beim Cannes-Festival die Goldene Palme gewonnen. Mit seiner Flüchtlingsthematik greift er ein gerade vieldiskutiertes Sujet auf. Der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt also? Irgendwie ja. Und auch nein.
Zunächst sei die großartige Schauspielleistung des Hauptdarstellers Jesuthasan Antonythasan gelobt. Als kompletten Laiendarsteller möchte ich ihn nicht bezeichnen, denn er spielte schon 2011 in einem indischen Film mit. DHEEPAN erzählt teilweise die persönliche Geschichte Antonythasans nach, der selbst Soldat bei den Tamil Tigers war. Mit ungeheurer Intensität spielt er diesen kriegstraumatisierten Mann, der aufgrund seiner Sozialisation zu Grobheit und Gewalt neigt und sich dennoch nach Liebe und Anerkennung sehnt. Ich freue mich bereits, ihn möglicherweise bald in einer neuen Rolle zu sehen. Fast verblassen neben ihn Kalieaswari Srinivasan als Yalini und Claudine Vinasithamby als „Tochter“ Illayaal. Das liegt vielleicht auch teilweise daran, dass Audiard sich für die beiden weiblichen Figuren nicht so sehr interessieren mag wie für Dheepan. Und hier sind wir teils auch beim Problem von DHEEPAN: er weiß letztlich nicht, wofür er sich interessieren soll. Was in der ersten Hälfte wunderbar ist, weil der Film dann einfach unbekümmert fließt, sich überhaupt nicht um Plot oder dramaturgische Spannung kümmert und vollkommen in seinen Figuren aufgeht. Nicht so sehr Sozialdrama als intimes Personenportrait – irgendwo zwischen Renoir, Hawks und Rossellini angesiedelt –, das ganz auf Antonythasan Schultern ruhen kann. In der zweiten Hälfte verdichtet sich der Plot. Ein Bandenkrieg zwingt Dheepan zur Positionierung. In einem Aufwasch will Audiard dann Flüchtlingsschicksale, Bandenkriminalität, Geschlechterbeziehungen behandeln und das ganze schlussendlich als reinen Genrefilm auflösen. Das Ende wirkt dann, als hätte sich Michael Winners Geist die Regie unter den Nagel gerissen, um das Finale von DEATH WISH 3 noch einmal in Paris nachzustellen. Audiard hat dann doch nicht den Mut, das stehen zu lassen und tackert noch ein kitschiges Ende hin, das einer Zuschauerverarschung recht nahe kommt. So ist DHEEPAN bewundernswert für seine Darsteller und seine oft tollen Bilder, aber doch insgesamt doch zu unentschieden, mutlos und beliebig.


20.00 Uhr, Gartenbaukino
MARNIE
Alfred Hitchcock
USA 1964
130 Minuten, 35mm

Mööööp!

Die Viennale 2015 begann für mich mit einer riesengroßen Enttäuschung! Der Film, auf den ich mich am meisten gefreut habe, sollte ich nicht sehen. Hitchcocks MARNIE, den ich (eine baldige private Neusichtung auf DVD wird bald meine Meinung bestätigen – oder ggf. widerlegen) für den größten Film des Meisters halte, lief in einer wahrscheinlich wunderschönen 35mm-Kopie ohne mich, denn gezeigt wurde er im Rahmen einer Galaveranstaltung, die nur für geladene Gäste, nicht aber für Pressevertreter lief. 
Stattdessen also...


21.00 Uhr, Metro-Kino, Historischer Saal
DIE TOTEN FISCHE
Michael Synek
Österreich 1989
83 Minuten, DCP

Ein abgerissen aussehender Mann kriecht durch eine Dschungellandschaft und fischt aus brodelnden Quellen Briefmarken. Mit der U-Bahn fährt er zurück zu seinem Chef, doch störrische U-Bahn-Fahrer, verwinkelte Gänge, eine Rattenplage und ein bürokratischer Ticket-Kontrolleur stellen sich ihm in den Weg. Dann verweigert ihm sein Vorgesetzter auch noch die versprochene Kost und Logis. Rachesüchtig nächtigt der Briefmarkenjäger auf einem verlassenen Dampfer und denkt sich alle möglichen Grausamkeiten aus, während anderswo weitere bizarre Dinge geschehen.

© Viennale
Wenn man der IMDb glauben mag, dann ist Michael Synek (der bei der Vorführung anwesend war und danach Rede und Antwort stand) ein idealtypischer „auteur maudit“. Nach einer Tour durch verschiedene Festivals bekam der Film keinen Verleih und ruinierte den Autoren, Produzenten und Regisseur. Syneks erster blieb zugleich sein letzter Film.
DIE TOTEN FISCHE, gedreht in mysteriösem Schwarzweiß, lief im Rahmen der Retrospektive „Aus Fleisch und Blut. Austrian Pulp“ und erscheint tatsächlich singulär. Er ist eine Adaption von Boris Vians gleichnamiger Kurzgeschichte und verbindet Surrealismus, Slapstick, schwarzen Humor, postapokalyptische Science-Fiction und Bodyhorror zu einem wahrhaft bizarren, teils undurchdringlichen Werk. Er erscheint manchmal als gallige politische und gesellschaftliche Satire, bisweilen sogar fast schon als linkes Agitationskino. Der Briefmarkenjäger, der sich wie einst Captain Willard durch feindliches Dschungelgebiet kämpfen muss, um seine Briefmarken (seinen Colonel Kurtz) zu suchen, findet das wahre Herz der Finsternis nicht im Urwald, sondern in der technologischen Zivilisation, die zugleich auf maximale Ausbeute des (miserabel bezahlten) Arbeiter ruht. Er muss sein Leben riskieren für müde 50 Mark, während sein Boss (der Briefmarkensammler) noch nicht mal bereit ist, in ein neues und besseres Netz zu investieren („Wer nutzt denn das Netz jeden Tag ab? Sie oder ich?“). Auch ein latenter Faschismus durchzieht diese postapokalyptische (?) Gesellschaft. Unter den Briefmarken, die der Jäger jagt, tragen einige auch Hitlers Konterfei. Tagsüber, während sein Jäger im Urwald Leib und Leben riskiert, tötet der Boss weiße Ratten und türmt ihre Leichen zu monströsen Haufen. Soldaten bewachen jeden Schritt, und fast jeder Raum wirkt wie ein Gefängnis. DIE TOTEN FISCHE machen es dem Zuschauer dennoch nicht einfach. Der böse Boss wird von einer mysteriösen Frau mithilfe von Pfefferkörnern verführt. Schließlich verbrennt er bei lebendigem Leib, als sie ihren Rock hebt und er ihre Scham erblickt. Der Briefmarkenjäger jedoch, so bemitleidenswert er ist (er muss sich sogar Teile der Gesichtshaut wegreissen, an denen sich eine heimtückische, offenbar lebendige Briefmarke festgesaugt hat), wird dennoch zu einer zweifelhaften Figur: während die Verstümmelung der Leiche seines Bosses noch halb-verständlich ist, überschreitet er tatsächlich Grenzen, als er einen kleinen Jungen erwürgt (mit dem er zuvor in einer höchst unangenehmen, weil latent erotisch aufgeladenen Szene, das Bett geteilt hat).
Es ist glaube ich deutlich geworden: tonal kennen DIE TOTEN FISCHE keine Grenzen. Unangenehmes, das einem Schauer des Grauens über den Rücken jagt, wechselt sich ab mit urkomischen Szenen, die etwas von Monty Python haben. Etwa im allerersten Dialog des Films (ich schätze, nachdem schon ungefähr 25-30 Minuten Laufzeit vorbei sind), als sich der Briefmarkenjäger mit einem Ticketkontrolleur streitet, weil die U-Bahn-Gesellschaft nicht nur echte Tickets (aus Holz), sondern auch gefälschte Tickets (aus Pappe) verkauft – nur, um „ekelhafte Menschen“, die es wagen, „offizielle“ gefälschte Tickets zu nutzen, härter zu bestrafen. Hier weist DIE TOTEN FISCHE auch über alles hinaus, was man gemeinhin als „politische Reflektion“, „Gesellschaftskritik“ etc. bezeichnet. Sicher kann man Syneks Film mit David Lynchs kaputten Welten oder mit David Cronenbergs Bodyhorror vergleichen: es bleiben lediglich approximative Assoziationen für einen singulären Film.


23.00 Uhr, Metro-Kino, Eric-Pleskow-Saal
THE HITCH-HIKER
Ida Lupino
USA 1953
71 Minuten, 16mm

Roy und Gilbert wollen eine kleine Angeltour machen. Sie nehmen auf dem Weg einen Autostopper mit, der sich als der Serienkiller Emmett Myers entpuppt. Die beiden unglücklichen Touristen sollen Myers zu einem mexikanischen Hafen fahren, wo dieser sie dann zu töten beabsichtigt.

© Viennale
THE HITCH-HIKER war genau der richtige Film für ein bisschen spätabendliches Mitternachtskino-Feeling, gleichwohl er für mich mit einer Prise Vertrautheit daherkam (ich kannte ihn bereits). Die sichtlich mehrfach gebrauchte 16mm-Kopie war vielleicht keine 35mm wert, schlug aber erwartungsgemäß dennoch jegliche youtube-Fassung.
Lupinos Film gilt als erster film noir, der von einer Frau inszeniert wurde, und es ist ein Film, den Paul Schrader wohl in die späte, „psychotisch-suizidale“ Phase des Stils einordnen würde. Thematisch und ästhetisch hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit Ulmers DETOUR, auch aufgrund des niedrigen Budgets (der sich in vielen Szenen mit Rückprojektionen niederschlägt – was dem Film eine jenseitige, fast halluzinatorische Qualität verleiht). Er ist aber actionreicher. Immer wieder zeigt er, wie das entführte Auto durch eine gespenstische, karge, menschenverlassene Steppenlandschaft rast, was dem Film eine große Dynamik, Dringlichkeit und auch Bedrücktheit bringt. Eine besonders frappierende Szene: der Mörder zwingt Gilbert, Roy aus großer Distanz eine Bierdose mit einem Jagdgewehr aus der Hand zu schießen.
Edmond O‘Brien ist gewohnt gut und überzeugender als Frank Lovejoy. Fantastisch ist jedoch William Talman als Serienkiller, der ein gelähmtes Auge hat, das er nicht schließen kann (was besonders praktisch ist, um zu schlafen, ohne, dass seine Opfer wissen, ob er wirklich schläft). Mit seinen strengen Gesichtszügen, und vielleicht durch die Assoziation mit dem verletzten Auge, erinnerte er mich ein wenig an Nicholas Ray. Ein großartiger noir-Bösewicht in einem „nur“ soliden Beitrag zum Stil.


Freitag, 30. Oktober

ab 10.00 Uhr, Haydn-Kino
SPECTRE (Pressevorführung)
Sam Mendes
UK / USA 2015
148 Minuten, DCP

10.00 Uhr – im Foyer

Sony Pictures hat sich nicht lumpen lassen und gibt der versammelten Presse nicht nur den Kaffee an der Theke aus (was bei Pressevorführungen üblich ist), sondern auch ein großes Büffet mit köstlichem Fingerfood. Die Goodie-Tüte war auch nicht schlecht: nebst einem Omega-Bond-Spezialkatalog, mehreren Postkarten und der Soundtrack-CD gab es auch ein Fläschchen polnischen Vodka und einen Omega-Kugelschreiber (ich habe es noch nicht geschafft, ihn zum Explodieren zu bringen, aber vielleicht sind explodierende Kugelschreiber, wie in SKYFALL schon angedeutet, passé). Vor dem Eingang in den Saal gab es keine Handyabgabe-Prozedur, keine Körperabtastung und keine Metalldetektoruntersuchung, sondern lediglich noch Wasser und Saft in 0,5-l-Flaschen zum Mitnehmen. Eine Pressevorführung, die wahrlich gut beginnt!

11.30 Uhr – im Saal

James Bond macht sich auf die Suche nach dem Kopf der Verbrecherorganisation „Spectre“ und trifft dabei auf einige neue Gesichter und viele ungelöste Probleme aus seiner jüngeren Vergangenheit.

SPECTRE ist leider ein Film geworden für Leute, die eine Geschichte erst dann zu würdigen bereit sind, wenn sie bis in den hintersten Winkel und bis zum Erbrechen auserzählt worden ist. Oder: wo A QUANTUM OF SOLACE („Ein Quantum Toast“, wie nicht nur ich ihn gerne nenne) CASINO ROYALE noch unbedingt auserzählen musste, da fühlt sich SPECTRE jetzt gezwungen, unfertige (und meist nicht so interessante) Erzählstränge aus allen drei bisherigen Craig-Bonds noch zu verknüpfen und komplett „zu Ende“ zu erzählen.
Die gute Nachricht: SPECTRE ist ein unterhaltsamer Bond-Film geworden. Die einführende Plansequenz ist atemberaubend, viele Set-Pieces sind extrem atmosphärisch fotografiert. Die Action ist nicht so unübersichtlich wie in A QUANTUM OF SOLACE, aber dennoch weitaus schwächer als in den beiden „großen“ Craig-Bonds inszeniert. Der Film hat außerdem ganze drei Bond-Girls, die allerdings entweder sträflich vernachlässigt (Naomie Harris) und als PR-Gag verbraucht werden (Monica Bellucci) oder aber blass und völlig charismafrei (Léa Seydoux) sind. Christoph Waltz tritt mittlerweile in die Falle, dass er nur noch sich selbst spielt: als Christoph Waltz ist er nett zu sehen, als Bond-Bösewicht am Rande der „campiness“, die den Moore-Bond so oft um die Ohren geschlagen wird – bloß halt nicht so überzeugend.
Nach SKYFALL eine Enttäuschung, für Bond-Fans dennoch sehenswert! Mehr von mir dazu gibt es hier zu lesen.

ca. 14.00-15.00 Uhr
Exkurs
Wie zivilisierte Länder mit Filmen umgehen, oder: Ein Besuch im Wiener Saturn

Österreich hat einen Teil seiner Medienindustrie auf der Tatsache gegründet, dass in Deutschland der dritte Satz von Art. 5 GG nicht ganz so eng ausgelegt wird, zugleich aber die meisten Zuschauer noch nichtmal mit ihrem Hintern einen Film in einer anderen Sprache ansehen würden als Deutsch. Das kann man verwerflich finden. Bewundernswert aus deutscher Perspektive ist dennoch der größere Respekt für Filme, den man im Herzen des ehemaligen k.u.k.-Zentrums findet. In der DVD-Abteilung des Saturns gibt es zum Beispiel keine FSK-18-Abteilung, die in Deutschland dazu dient, „unrespektable“ Filme auch räumlich so zu separieren, dass die normale Kundschaft damit nichts zu tun hat (gleichwohl verleugnend, dass kein Ort im Laden eine größere Konzentration geschnittener Filme hat!). Nein, es gibt eine Abteilung für „Klassiker“. Eine Abteilung für „Komödien“ (wer hat MAD MAX: ROAD FURY da eigentlich eingeordnet?). Es gibt auch ein „auteuristisches“ Regal, wo DVDs nach Regisseuren geordnet sind (z. B. Kaurismäki, oder Wenders). Und dann gibt es auch die ganz normale A-Z-Abteilung, wo auch Filme darunter zu finden sind, die in Deutschland indiziert oder vielleicht sogar beschlagnahmt sind – zumindest, solange sie keine Horrorfilme sind. Denn auch die haben eine eigene Abteilung. Und die ist für jemand, der an deutsche Filmkultur gewöhnt ist, ein Kulturschock! Natürlich gibt es diese etwas lieblosen Billigeditionen (ich habe mir mal Sergio Martinos TUTTI I COLORI DEL BUIO mitgenommen), aber etwa ein Drittel der DVDs waren wunderschöne Ausgaben: hochwertige Mediabooks, deren reiner Anblick schon ein Genuss ist (und sie in der Hand zu halten erst recht). Endlich einmal ein Ort in Österreich, wo „Schmutziges“ ganz offen und platzeinnehmend präsentiert wird.


16.00 Uhr, Filmmuseum
Vorfilm
TIER OHNE FEIND UND FURCHT
Michael Grzimek
Bundesrepublik Deutschland 1953
10 Minuten, 35mm

Als Verteidigung der Institution Zoo konzipiert, wo Tiere „ohne Feind und Furcht“ leben. Klingt als Diskussionsanregung ganz spannend, entpuppt sich dann aber doch als nur „nette“ Aneinanderreihung süßer Tiere in Zoo- oder Wohnungsumgebung.

A ZED AND TWO NAUGHTS
Peter Greenaway
UK / Niederlande 1985
115 Minuten, 35mm

Zwei Zwillingsbrüder, die in einem Zoo als Tierverhaltensforscher arbeiten, verlieren ihre jeweiligen Ehefrauen beim selben Autounfall. Die Fahrerin des Autos hat hingegen ein Bein verloren. Zusammen versuchen die drei Personen nun, den Verlust und die Trauer zu verarbeiten und entdecken dabei ihre Faszination für verfaulende Tierkadaver und die Nachstellung von Vermeer-Gemälden.

A ZED AND TWO NAUGHTS vereint alle Themen, die man mit Peter Greenaway assoziiert: die Verbindung von Sex, Gewalt, Tod und Essen, die Faszination mit der Malerei, die Poesie des Zerfalls, die Beschäftigung mit körperlichen Verstümmelungen, Deformationen und Modifikationen. Ein idealer Einstieg in die Filmwelt des Briten – oder vielleicht auch nicht?
Inwiefern die extrem unbequemen Sitze des Österreichischen Filmmuseums mir den Zugang zu einem Film erschwert haben oder nicht, werde ich mich im weiteren Verlauf der Viennale immer wieder fragen. Auch in einem bequemen Kinositz wäre A ZED AND TWO NAUGHTS keine einfache Kost. Fast zwei Stunden lang folgen wir eher einem Zustand als einer dramaturgischen Entwicklung, sehen Personen beim Diskutieren von Vermeer-Malerei, beim Erörtern der Genese von Zebrastreifen sowie zwischendurch immer wieder time-lapse-Videos verfaulender Tierkadaver. Mehr als bei THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE & HER LOVER, THE PILLOW BOOK und 8 ½ WOMEN hinterlässt mich dieser Film ratlos – aber zugleich auch mit mehr bleibenden Eindrücken. Greenaway entpuppt sich mehr als in seinen anderen mir bekannten Filmen als „malerischer“ Regisseur, der oft eher Gemälde als photographische Bilder erschafft. Die Schönheit der Bilder (etwa eine lange Kamerafahrt durch den Raum, in dem die Boxen mit den faulenden Tierkadavern liegen – die eher wie ein bewegtes Gemälde als wie Film wirkte) steht in einem starken Gegensatz zur extremen Kälte von Greenaways Visionen. Seine Filme handeln nicht von Menschen, sondern von abstrakten, humanoiden Wesen, die zufällig eine gewisse Ähnlichkeit mit Menschen haben, aber ebenso gut exotische Tiere sein könnten. Das macht A ZED AND TWO NAUGHTS zu einer ambivalenten Herausforderung (mehr als die vielen Tabubrüche).
Hinzufügen würde ich, dass der Komponist Michael Nyman wahrscheinlich genauso gut als „auteur“ des Films bezeichnet werden kann wie Greenaway. Sein Soundtrack ist schlicht fantastisch. Ohne ihn würden die Bilder wohl nicht im Ansatz eine solche Wucht entfalten können. Man höre dieses wiederkehrende Thema und dieses kontrapunktisch eingesetzte Stück. (Achtung: letzterer Link enthält im zur Musik geschnittenen Video einige drastische Kostproben Greenaway‘schen Expressionismus‘; Spoiler, wenn man so will – besonders für Leser, die diesen Beitrag beim Frühstück lesen).


ab 20.00 Uhr, Filmmuseum
Vorfilm
GLIMPSES OF BIRD LIFE
Oliver Pike
UK 1910
7 Minuten, 35mm

Einige Vogelarten werden in einem kurzen (vielleicht aber auch unvollständig erhaltenen) Dokumentarfilm vorgestellt.

THE BIRDS
Alfred Hitchcock
USA 1963
120 Minuten, 35mm

Aggressive Vögel überfallen Bodega Bay.

© David Leuenberger
In einem leider viel zu ausgedehnten Q & A, bei dem allerdings nur der Festivaldirektor am „Podium“ Fragen stellte, plauderte Tippi Hedren über ihren Weg zur Schauspielerei, über die Schwierigkeiten beim Dreh und teils auch über das Ende des Studiosystems in Hollywood. Sie blieb nicht zur Sichtung des Films, was auch gut so war, denn einer 85-jährigen Person solche Sitze zuzumuten...
Meine Beziehung zu THE BIRDS begann zunächst konflikthaft. Die Erstsichtung 2008 war zwar nicht besonders unerfreulich, blieb aber im Bereich des „was haben denn alle mit diesem Film“? Hans Schmids ausführlicher und wunderbarer Text zu Hitchcock, THE BIRDS und der Nutzung des Vogelmotivs in Hitchcock-Filmen hat mich zu einer großartigen Neusichtung und Neuentdeckung des Films im November letzten Jahres animiert. Die Drittsichtung im Filmmuseum war leider wieder etwas weniger befriedigend. Waren es wieder die lästigen Sitze? Oder sind Hitchcock-Filme generell von der Tagesform abhängig? Genossen habe ich auf jeden Fall die wunderschöne und kristalline 35mm-Kopie, die wahrhaftig beweist, dass das Format 35mm nur ökonomisch, aber nicht ästhetisch passé ist!

Noch Kneipe mit meinem Festivalgefährten luzifus, seinem Gastgeber und dessen Freunde. Unter diesen befindet sich unter anderem Gerald Jindra, einer der beiden Regisseure des Dokumentarfilms CARL ANDERSENS UNDERGROUND DER LIEBE über den österreichischen Regisseur Carl Andersen, der einige Tage vor dem eigentlichen Beginn der Viennale in der Schiene „Austrian Pulp“ lief.
Interessant, dass auch in den schäbigsten Lokalen (wobei ich in diesem Fall eine sympathische Schäbigkeit meine) das Bier mindestens 3,80 Euro kostet. Als die Sperrstunde des Lokals um 2.00 Uhr erfolgt, sind luzifus und ich an unserem Tisch bereits allein. Wir ziehen in das Lokal auf der anderen Straßenseite. Gemütliche Schäbigkeit, 3,80-Euro-Bier, aufgedrehte Heizung. Wir bleiben bis etwa 3.30 Uhr...


Samstag, 31. Oktober

Ich spaziere mit meinem Gastgeber ein wenig durch den Park und entdecke dabei, passend zur Tier-Retrospektive, den sogenannten Vogeltränkebrunnen zur Ehre der Pinguine. Wir sacken luzifus ein, der bereits einen Film geschaut hat (in den wegen „Ausreservierung“ ich nicht reingekommen bin) und besuchen dann das Schwarzenberg-Café. Der Ober fragt, ob der Kaffee „mit Schlag“ serviert werden soll. Ich habe einen Augenblick darüber nachgedacht „Nein danke, ich stehe nicht auf S & M“ zu antworten, beließ es aber beim ersten Teil. Österreichischer Kaffee schmeckt nämlich auch ohne Schlagsahne hervorragend.


13.30 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus
THE DEVIL‘S CANDY
Sean Byrne
USA 2015
90 MInuten, DCP

Ein christlicher Fundamentalist, der in seinem Kopf die Stimme Satans hört, bringt seine Mutter um. Das Haus, in dem er wohnt, wird später von einer kleinen Familie übernommen: Vater Maler, Tochter Schülerin, Ehefrau irgendein ernsthafter Bürojob, erstere beide große Heavy-Metal-Fans. Das Haus ist verflucht, und der Maler beginnt ebenfalls, in seinem Kopf Stimmen zu hören und furchterregende Visionen zu erblicken. Und bald steht der mordende christliche Fundi wieder vor der Tür.

„Solide Genre-Kost“ ist eigentlich ein furchtbarer Begriff, weil er ein „vergiftetes“ Kompliment ist und zugleich nur sehr unscharf definiert. Aber für THE DEVIL‘S CANDY scheint er geradezu erfunden worden zu sein. Handwerklich ist er gut gemacht, die Darsteller sind überzeugend, das Drehbuch gab es anderswo schon schlechter – aber so richtig ist der Funke bei mir nicht übergesprungen (im Gegensatz zu meinem Reisekollegen luzifus). Angenehm ist ihm sicher anzurechnen, dass Byrne tatsächlich nichts weiter als einen kleinen Schocker in Aussicht hatte, und als solcher ist THE DEVIL‘S CANDY ganz effizient (als „Des Teufels Leckereien“ bezeichnet der Mörder übrigens die Kinder und Teenager, die er angeblich im Auftrag Satans ermordet). Negativ ist mir die Holzhammer-Inszenierung aufgefallen, bei der jeglicher spannender Moment mit einem lauten Knall unterstrichen wird (und das nicht zwei oder drei, sondern eher 20 bis 30 Mal): Dröhnen, bis die Ohren platzen, damit auch der taubeste Zuschauer begreift, dass etwas Gruseliges passiert. „Scare Thunder“ zum Prinzip erhoben. Ein netter kleiner DTV-Schocker, aber in Sachen „religiöse Fundis machen gruselige Sachen“ hat Ti Wests THE SACRAMENT wesentlich mehr Wiedersichtungspotential.


16.00 Uhr, Filmmuseum
Vorfilm
THE PRIVATE LIFE OF A CAT
Alexander Hammid, Maya Deren
USA 1945
29 Minuten, 35mm

Eine Texttafel zu Beginn von THE PRIVATE LIFE OF A CAT ließ zunächst ein verstecktes pazifistisches Manifest vermuten: da war davon die Rede, dass dieser Film den Katzen gewidmet sei, einer Art, die im Gegensatz zum Menschen friedlich sei.
Der Titel hielt dennoch, was er versprach: eine Dokumentarfilm über das Leben einer Hauskatze, die durch die Wohnung wandert, einen schönen Kater kennenlernt, kleine Kätzchen gebärt und sie dann großzieht. Am interessantesten waren die Versuche, den Point-Of-View der Katze mit der Kamera nachzuahmen. Einige sehr, sehr, sehr (sehr, sehr, sehr) ausgedehnte Tableaus, in denen die Mutterkatze ihre Jungen sauber leckt, haben allerdings den Geduldsfaden auf die Probe gestellt. „Das soll ein Film sein?“ fragte einer der jüngeren Zuschauer, der offenbar für BAMBI mitgenommen worden ist. Ja, auch das ist ein Film. Und vielleicht ein Vorläufer beliebter youtube-Katzenvideos?


BAMBI
David Hand et al.
USA 1942
70 Minuten, 35mm

Die Coming-Of-Age-Geschichte eines Rehs.

Gesehen in einer etwas fragwürdigen „2015er-Viennale-Fassung“. BAMBI wurde 1942 wie die meisten Filme seiner Zeit in 1.33:1 gedreht. In den 1970er Jahren wurde er bei der Wiederaufführung an das Widescreenzeitalter angepasst und in neuen Kopien oben wie auch unten maskiert, zu 1.66:1, oder 1.78:1 oder 1.85:1, wobei natürlich Bildinformationen verloren gingen, deren Verlust beim Dreh nicht wirklich eingeplant war. Im Filmmuseum wurde eine solche Widescreenkopie gezeigt. Damit die Zuschauer aber den Film im „Originalformat“ sehen können, wurden wiederum die Ränder so weit maskiert, bis der gezeigte Film wieder ein Format von 1.33:1 hatte – der mit dem tatsächlichen Originalformat nicht mehr wirklich viel zu tun hatte und mit, oh Wunder, noch mehr Bildverlust.
Das ist filmeditorisch sehr bedauerlich. Überaus deutlich wurde dabei dennoch, wie unglaublich zentriert BAMBI in der Bildkomposition arbeitet, da der Film auch in dieser „2015er-Viennale-Fassung“ halbwegs gut zu verfolgen war (auch wenn in manchen Szenen doch deutlich zu spüren war, dass da etwas abgeschnitten wurde).
Zu BAMBI selbst mag ich nicht so viel sagen. Als Kind mochte ich andere Disney-Filme (LADY AND THE TRAMP, THE JUNGLE BOOK, THE ARISTOCATS) lieber, und das ist auch so geblieben. Meine Bewunderung ist tatsächlich eher intellektuell als emotional und gilt zuvorderst den wunderbar gezeichneten Bildern, die teilweise auf beeindruckende Weise die Tiefenunschärfe einer fotografischen Kamera nachahmen, der wunderbaren Verbindung von Bild und Musik, die BAMBI (wie die meisten Disney-Filme) zu einem verkappten Musical macht und der erzählerischen Ökonomie (wie etwa der Tod der Mutter nur mit suggestiven Worten und dem bedrückenden Schneefall verdeutlicht wird).
Ambivalent faszinierend fand ich, wie das Stinktier Flower homosexuell „kodiert“ wird. Der sogenannte „Bambi-Effekt“ (im gängigen Sprachgebrauch grob gesagt der Widerspruch gegen die Tötung süßer Tiere) bezeichnet im LGBT-Slang das Experimentieren Homosexueller mit Heterosexualität und geht dabei von einer homoerotischen Verbindung zwischen Bambi und Thumper aus, die aufgelöst wird, als beide sich heterosexuell verlieben – obwohl eigentlich gerade Flower sich zu einer „Vernunftsehe“ entscheidet (in einer Zeit großer Homophobie ein sicherlich extrem unangenehmer, aber wohl angesichts der Umstände leider vernünftiger Schritt). Insofern sollte man doch eigentlich eher vom „Flower-Effekt“ reden, zumal Bambi selbst, soweit ich mich erinnere, fast gänzlich asexuell dargestellt wird. Im Gegensatz zu Thumper, der sich von seiner Liebsten an seinem langen Ohr streicheln lässt und dabei Thumper-mäßig erregt mit seiner Pfote klopft.


18.30 Uhr, Filmmuseum
BABE: PIG IN THE CITY
George Miller
Australien 1998
96 Minuten, 35mm

Babe hat zwar eben einen Schäferhundwettbewerb gewonnen, doch durch seine Schuld hat sein Herr auch einen schweren Unfall erlitten. Dann stehen auch plötzlich Bankiers vor der Tür. Da heißt es Aufbrechen, um in der Stadt bei weiteren Wettbewerben Geld zu sammeln. Dort landet Babe mit seiner Herrin in einem Hotel voller Tiere, die im Vaudeville-Geschäft tätig sind – und lernt obdachlose Vierbeiner, brutale Polizisten, gruselige Tierärzte und skrupellose Köche kennen.

© Viennale
Sowohl mein werter Gastgeber wie auch mein Reisekollege luzifus machten sich mehr oder weniger milde über mich lustig, weil ich SCHWEINCHEN BABE 2 gucken wollte. Für mich handelte es sich um einen meiner meisterwarteten Filme der Viennale. MAD MAX: FURY ROAD offenbarte mir George Miller, von dem ich bislang nur THE WITCHES OF EASTWICK kannte, und den ich nun nach und nach mit vier weiteren Filmen (den ersten drei MAD-MAX-Beiträgen sowie LORENZO‘S OIL) als einen neuen Anwärter für meinen persönlichen Pantheon der Lieblingsregisseure entdeckt habe.
Erneut erlebte ich das, was ich als meinen persönlichen „Miller-Effekt“ bezeichnen würde: ich hatte in der ersten halben Stunde einige Mühe, in den Film hineinzufinden – nur, um danach umso stärker gepackt zu werden. Woher diese Mühe in der ersten halben Stunde kommt, wird mir wohl erst einmal schleierhaft bleiben, zumal er bei Zweitsichtungen (so bei MAD MAX 2 und 4 erlebt) verpufft. Ist es das hohe Maß an Abstraktion, das solche Sachen wie Exposition, klassische Figureneinführung, säuberliche Plotentwicklung etc. schlicht verweigert? Also sozusagen weil jeder Miller-Film einfach „mittendrin“ anfängt?
BABE: PIG IN THE CITY ist nicht nur ein toller Kinderfilm, sondern auch eine (trotz animalischer Protagonisten) humanistische Erzählung über soziale Außenseiter und über multiple Formen sozialer Ausgrenzung – und wie diese zumindest teils überwunden werden können. Der Gegensatz zwischen Land und Stadt ist am deutlichsten, geht es doch um ein Landschwein in der großen Stadt. Doch Miller betreibt keine rückwärtsgewandte Landromantik, sondern zersplittert auch die Stadt als Ort vielseitiger ausgrenzender Differenzierung. Die Bewohner der City stehen hier gegen Suburbiabewohner. Die tierischen Bewohner des Hotels stemmen sich zunächst gegen die obdachlosen Tiere, die Asyl suchen (und wehren sie mit einer „Das Boot ist voll“-Rhetorik ab). Im Hotel selbst können wiederum Affen die Katzen nicht leiden, diese die Hunde nicht und umgekehrt, während die Tiere wiederum als geschlossene Front gegen Polizisten, experimentelle Tierärzte und Köche stehen. In diese komplexe Konfliktsituation kommt dann Babe rein, der, man sei erinnert, nicht nur ein naives „Landei“ ist, sondern auch ein traumatisierter Charakter, der durch ein Missgeschick fast seinen Boss getötet hat. Doch dieses kleine Schweinchen löst etwas aus, was man wohl als eine Utopie der großen Vergebung und Versöhnung bezeichnen könnte.
Vergebung und Versöhnung sind große wiederkehrende Themen bei George Miller. Babe wird kurz nach seiner Ankunft in der Stadt von den Vaudeville-Affen in eine Falle gelockt, die dazu führt, dass er von einem brutalen Bull Terrier verfolgt wird. Der Bull Terrier, der eine abgerissene Kette hinter sich führt, stolpert dann irgendwann auf einer Brücke, hängt an der Kette kopfüber in einer solcher Weise in den Fluss, dass er bald ertrinken wird. Alle Tiere, die die Verfolgungsjagd beobachtet haben, nehmen das zur Kenntnis und wenden sich gelangweilt ab (ein unfassbar brutaler und schockierender Moment, der es wie durch ein Wunder in die bereits „bereinigte“ Fassung von BABE: PIG IN THE CITY geschafft hat – Millers Urfassung war wohl insgesamt noch brutaler und düsterer und musste auf Druck von Universal nach einer Testvorführung umgeschnitten werden). Alle Tiere wenden sich also ab, nur Babe springt ins Wasser, um den Hund zu retten, indem er ein Boot unter ihn schiebt. Der Bull Terrier unterwirft sich nach der Rettung Babe, bietet ihm sogar sein Halsband an und – die Unterwerfung bleibt so dennoch ambivalent – ernennt sich eigenmächtig zu Babes Sprecher (ein exzentrisches Sprachrohr sah man schon in MAD MAX 2). Babes Akt der Vergebung bleibt dabei implizit: er spricht sie nicht aus, er rettet den Hund einfach nur, und behandelt ihn dann auf natürliche Weise als ebenbürtig. So implizit ist die Vergebung auch in MAD MAX: FURY ROAD, wo der War Boy Nux dann einfach vom Feind des Teams Furiosa-Max-Wives zu dessen Bestandteil wird. Auf die Parallele zwischen BABE: PIG IN THE CITY und MAD MAX: FURY ROAD hat übrigens Outlaw Vern in einem seiner etwa halben Dutzend Reviews des vierten Abenteuers Max Rockatanskys hingewiesen. Auch THE WITCHES OF EASTWICK endet mit einem Akt der Vergebung, als die „Hexen“ Daryl verziehen, ihm eine Kommunikation über Videokonferenz zugestehen (gleichwohl sie ihn an der Reissleine halten). Vergebung ist in LORENZO‘S OIL geradezu ein überordnendes Prinzip: ein Film, der keine der Konfliktparteien als richtig oder falsch beurteilt, sondern deren Handeln als logische Folge eines jeden Einzelfalls akzeptiert.
Im Grunde ist BABE: PIG IN THE CITY auch die Suche der Titelfigur nach der Vergebung seines Herrn. Eine Suche, die eigentlich sinnlos war, da sein Herr ihm niemals etwas vorgeworfen hat – und doch einen Sinn hatte, weil Babe nicht die Welt rettet, aber doch eine erweiterte Gemeinschaft von Tieren zusammenschweißt.
Was Miller nicht löst ist das Problem der individuellen Entfremdung, die auch einen Kern der MAD-MAX-Filme ab dem zweiten Teil ausmacht. Der weise, alte Affe Thelonious ist gewissermaßen der Max Rockatansky von BABE: PIG IN THE CITY: eine einsame, eigenbrötlerische Figur, die die meiste Zeit eine passive Beobachterrolle einnimmt. Gerade, weil sie von ihren Artgenossen entfremdet ist. So fühlt sich Thelonious kulturell eher zum Habitus der Menschen hingezogen. Das mündet in einen der wunderbarsten Momente des Films: die Tiergruppe, die gefangen ist, wurde eben von Babe befreit und macht sich auf, zu fliehen, doch Thelonious lässt alle warten, weil für ihn ein Leben draußen in Freiheit keinen Wert hat, wenn er dabei nicht fein angezogen ist. So zieht er seelenruhig sein Hemd und Jackett an...

P.S.: der Gipfel von Millers utopisch-humanistischer Vision ist vielleicht die Art, wie er einen gehbehinderten Hund als Figur behandelt. Es ist ein Hund mit zwei gelähmten Hinterbeinen, die er an einer Konstruktion mit Rädern hinter sich herzieht. Der Film thematisiert und problematisiert das allerdings nicht. Er liefert keine Erklärung für die Lähmung, er psychologisiert die Figur auch nicht aufgrund ihrer Behinderung. Dieser Hund ist einfach da und eine vollwertige Figur wie jede andere. Es ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, wie verhältnismäßig außergewöhnlich das ist und wie sehr Miller von logisch und emotional intelligenten Zuschauern ausgeht.

P.P.S.: BABE: PIG IN THE CITY war der Viennale-Film mit der charmantesten Zuschauer-Störung. Ein junges Mädchen, vielleicht 8 bis 10 Jahre alt, saß hinter mir mit ihren Großeltern. Da der Film im englischen Originalton ohne Untertitel gezeigt wurde, stellte sie ihren Begleitern immer wieder Verständnisfragen. Manchmal wußte die Oma mangels erweiterter Englischkenntisse keine Antwort. Es kann sein, dass sie manchmal auch nicht wußte, wie sie ihrer Enkelin so kurzfristig die Zusammenhänge erklären sollte, die ganz deutlich nur für „erwachsene“ Zuschauer lesbar sein sollten (etwa den hyperaktiven, offensichtlich zugekoksten Drogenfahnderhund, der Babe bei Ankunft am Flughafen entdeckt).

Was zum Teufel? Ich laufe durch die Straßen Wiens und überall sind Menschen unterwegs, die aussehen, als wären sie geflohene Statisten aus der Eingangsszene von SPECTRE (die während des mexikanischen Karnevalsumzug zum „Tag der Toten“ spielt): mit Totenkopfmotiven geschminkt, teils mit Kunstblut verschmiert. Ach ja, es ist Halloween. Zum Glück werde ich die „heiße“ Phase dieses Fests im Kino bei einem Dreistundenepos verbringen. Aber zuerst...


20.30 Uhr, Metro-Kino, Eric-Pleskow-Saal
TO AGORI TROEI TO FAGITO TOU POULIOU (Boy Eating Bird‘s Food)
Ektoras Lygizos
Griechenland 2012
80 Minuten, DCP

Yorgos lebt alleine in einer Wohnung und muss mangels Geld hungern. Futter für seinen Vogel gehört immer zu den dringendsten Prioritäten. Seine Sparmaßnahmen werden immer extremer, bis er schließlich auf der Straße landet.

Obwohl ich dialogfreie Filme sehr schätze (und Lygizos Film ist über weite Strecken dialogfrei), hat TO AGORI TROEI TO FAGITO TOU POULIOU keine bleibenden Eindrücke hinterlassen. Aufgrund der Ankündigung (sinngemäß eine „Übertragung von Knut Hamsuns Hunger in die griechische Ära der Sparpolitik“) hätte ich mehr erwartet. Der Film ist mit seinen Handkamerabildern immer extrem nah an Hauptdarsteller Yannis Papadopoulos und bleibt doch der Figur fern. Das liegt vielleicht daran, dass Papadopoulos eher solide als wirklich inspiriert spielt, aber vielleicht auch daran, dass Lygizos für etwas, was man wohl auch als „innere Reise“ bezeichnen könnte, nur „äußerliche Bilder“ findet.


23.00 Uhr, Gartenbaukino
XIA NU (A Touch Of Zen)
Hu King
Taiwan 1971
180 Minuten, DCP

Ein Dorfschreiber, seine Mutter, ein abweisender Fremder, eine mysteriöse Schönheit und noch ein paar andere Personen machen... ähm... Sachen... unter anderem kämpfen oder durch die Gegend laufen.

Viennale-Spätvorstellungen mit asiatischen Filmen werde ich in Zukunft meiden (siehe meine Ausführungen zu CHE SAU / MOTORWAY zur Viennale 2012)! Besonders, wenn sie im Gartenbaukino (ergo: im Rückenbrechkino) stattfinden. XIA NU eröffnet mit einer langen Montage aus Naturimpressionen und in gewisser Weise besteht der ganze Film aus Sachen, die lang sind. Die Bilder mögen zwischenzeitlich von ausgesuchter Schönheit sein, meisterlich komponiert in eleganten Kamerabewegungen, aber die meiste Zeit scheint der Film Zeit zu schinden, und das gnadenlos! Eine Szene, in der der Dorfschreiber geheimnisvolle Geräusche im heimischen Garten hört und diesen auf die Spur geht, wird bis zum Erbrechen in die Länge gezogen – ganz nach dem Motto „was drei Stunden dauert muss wichtig sein“ (die Strategie, mit Hilfe von Überlängen Größe vorzutäuschen ist also kein ausschließliches Problem des heutigen Blockbuster-Kinos). So ist es nicht wunderlich, dass ich mit dem Schlaf kämpfte und das Duell irgendwann verlor... Als ich wieder aufwachte, befanden wir uns im zweiten Teil des Films (nach meiner Uhr waren etwa 110 Minuten durch), und die Figuren waren auf Wanderschaft. Die Bilder zogen irgendwie gleichgültig an mir vorbei. Vielleicht bin ich zwischendurch wieder eingenickt. Irgendwann habe ich gelangweilt ein zweites Bier aufgemacht. Die Dose war vor dem Film zu Ende...
Gezeigt wurde übrigens eine frisch restaurierte Fassung. Die Restaurierung wurde komplett von der Hauptdarstellerin Hsu Feng finanziert, die nach Beendigung ihrer Schauspielkarriere 1981 offenbar eine erfolgreiche Produzentin wurde. Doch, oh weh!, was bringt die schönste Restaurierungsarbeit, wenn das ganze doch zu einem Pixel-Mischmasch wird: die DCP-Kopie machte die Bilder über weite Strecken leblos und tot, in den dunklen Nachtszenen wirkte das Schwarz trüb-gräulich und immer wieder gab es zwischendurch Pixel-Tornados.

Es ist kalt draußen. Ich habe den Film nicht nur mit luzifus, sondern auch mit dessen Gastgeber und meinem Gastgeber geschaut. Es kommt heraus: alle sind zwischendurch eingeschlafen. Zusammengenommen haben wir vier also vielleicht den Film komplett gesehen. Statt eine mühsame Rekonstruktionsarbeit vorzunehmen, gehen wir in einen Irish Pub, wo eine tschechische Kellnerin uns auf Englisch bedient und österreichisches Bier bringt. Die anderen Gäste tragen größtenteils Halloween-Kostüme und -Schminke. Ein schwer betrunkener Gast belästigt uns drei Mal. Im kneipen-eigenen Fernseher flimmert NIGHTMARE ON ELM STREET 4 tonlos vor sich hin...


Sonntag, 1. November

Ich befinde mich in einer Stadt, die sich als Metropole bezeichnet, aber es ist die Hölle, an diesem Feiertag eine offene Bäckerei zu finden. Selbst Sonntagsbäckereien, deren Inhaber höchstwahrscheinlich nicht christlich sind, sind geschlossen. Offen sind nur noch after-hours-Schuppen, aus denen müde, Halloween-geschminkte Gesichter schauen. Ich finde doch eine Imbissbude, an der ich einen Börek mit „Faschiertem“ erwerben kann (ja, Rinderhackfleisch, nicht zerhäckselter Nazi).

11.00 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus
FRANCOFONIA
Aleksandr Sokurov
Frankreich / Deutschland 2015
87 Minuten, DCP

Die deutsche Besatzung Frankreichs ist zugleich der Beginn einer merkwürdigen Freundschaft zwischen Jacques Jaujard, Direktor des Louvre, und Franz Wolff-Metternich, Leiter der Kunstschutzabteilung in Paris. Und eine gute Gelegenheit, um über Kunst im Allgemeinen, das Leben... und Napoleon nachzudenken.

Mit seiner Thematik hätte FRANCOFONIA sehr gut eine Art RUSSKIJ KOVČEG 2 werden können, und so eine anderthalbstündige Plansequenz wäre heute sogar etwas leichter zu realisieren als 2002. Aber Aleksandr Sokurov ist natürlich ein zu origineller Regisseur, um einfach RUSSKIJ KOVČEG 2 zu drehen – leider, möchte ich gerne sagen.
In seinen besten, aber nur seltenen Momenten hat FRANCOFONIA die Dichte eines echten Filmessays. In seinen weniger guten Momenten wirkt er wie eine dieser gediegenen, mäßig informativen Historiendokus auf arte. In seinen Untiefen glaubt man sich in eines dieser unsäglichen Dokudramen zu finden, wo Aufklärungspädagogik mit Re-Enactment verbunden wird, damit Hinz und Kunz taxi-mäßig schön da „abgeholt“ werden, wo „sie stehen“. Und an manchen Stellen hätte FRANCOFONIA ebenso gut eine Folge von Galileo Mystery sein können. Ich mochte Sokurovs ELEGIJA DOROGI („Elegy Of A Voyage“) bereits nicht, weil schon da der Russe zu einer Mischung aus Bauchnabelschau und dröhnend vorgetragenen Plattitüden neigte. FRANCOFONIA ist schlimmer. In der Rahmenhandlung zeigt sich Sokurov selbst als Mann, der aus der Ferne, per Skype, mit einem Containerschiff kommuniziert, der in einem Sturm Container voller Kunstwerke nach Frankreich (?) transportieren soll. Die Pausen nutzt er dann, um über den Rest zu sprechen, Hitler in Archivbildern mit nachgesprochenen Komplimenten über französische Alleen zu zeigen, im Erklärbarmodus die Geschichte des Louvres zu erzählen und einen grotesken Napoleon-Nachahmer und eine etwas hilflos reinschauende Marianne durch den Louvre zu hetzen... Sokurov im Filmessay-Modus und ich werden definitiv keine Freunde!


13.00 Uhr, Gartenbaukino
THE END OF THE TOUR
James Ponsoldt
USA 2015
106 Minuten, DCP

David Lipsky, Schriftsteller und Reporter beim Rolling Stone, interviewt mehrere Tage lang David Foster Wallace, Autor des epischen und vieldiskutierten Romans „Infinite Jest“ und begleitet ihn auch auf Lesetour.

© Viennale
Die Grundkonstellation lässt eigentlich einen Film im schlimmsten Indiewood-Modus erwarten. Gesehen habe ich schlussendlich den besten aktuellen Film der Viennale. Ein wunderbares Portrait zweier Getriebener, Suchender, Besessener. Lipsky, der Reporter im Rolling-Stone-Auftrag, der möglichst einige pikante Geschichten über Wallaces angebliche Heroinsucht herausgraben soll, dabei aber eigentlich nur Wallaces Kumpel sein möchte. Der den Autor von „Infinite Jest“ zugleich als literarischen Konkurrenten und als potentiellen Mentor sieht. Wallace, der seine Literatur im öffentlichen Diskurs von seiner Person trennen möchte und einsehen muss, dass das gar nicht so einfach ist. Ein extrem offenherziger, kumpelhafter Typ. Ein furchterregend normaler Depressiver. Ein rasender Eifersüchtiger, wenn es um Ex-Angebetete geht. Ein fürchterlich einsamer Mensch.
THE END OF THE TOUR ist ein extrem dialogreicher Film, der von vielen gewitzten Pointen lebt, von kleinen Gedanken und Momenten. Was den Film im Kern zusammenhält, ist das wunderbare Spiel der beiden Hauptdarsteller Jesse Eisenberg und Jason Segel. Für sich genommen sind sie schon großartig, aber die wirkliche Magie entsteht aus der Chemie zwischen den beiden. Die Verbindung Segel-Eisenberg bildet die Seele des Films. Immer wieder kann man sich in den langen Dialogen komplett verlieren.
So ist es etwas schade, dass der Film dann doch noch so etwas wie einen Konflikt einführen und zuspitzen muss und sich gezwungen sieht, eine gewisse Richtung einzunehmen. Ein nur kleiner Wermutstropfen bei einem solch tollen Schauspielerkino.
Übrigens zeigte die Projektion, dass DCP nicht nur eine Sackgasse sein muss. Der Film wurde auf 35mm gedreht, und die Projektion brachte tatsächlich die Körperlichkeit und Lebendigkeit des Materials adäquat rüber. Rücken, Nacken, Knie und Beine taten mir nach dem Film aber trotzdem weh.


15.30 Uhr, Urania-Kino
Oh! Es gibt also doch Kinos in Wien, deren Sitze über Rückenlehnen verfügen UND Beinfreiheit bieten! Na zugegeben, das gab es auch im Haydn-Kino. Potential und Hoffnung sind also vorhanden...
RESULTS
Andrew Bujalski
USA 2015
104 Minuten, DCP

Multimillionär Danny ist gerade an einen neuen Ort gezogen und langweilt sich. Warum nicht trainieren? Etwa mit Kat, die im Fitness-Studio „Power 4 Life“ arbeitet. Die allerdings eine schwierige Beziehung mit ihrem Chef und Ex-Liebhaber Trevor hat...

Andrew Bujalski gilt als „Godfather of Mumblecore“. Was auch „mumblecore“ auch sein soll: RESULTS ist auf jeden Fall so etwas wie Bujalskis Durchbruch zum Mainstream. Allerdings wirkt der Film schlussendlich ein bisschen wie „Woody Allen goes to Austin, Texas“ und zwar in schlechter Tagesform und ohne Windsor-Schrift in den Credits. Für eine romantische Komödie hat der Film kein romantisches oder humorvolles Herz. Als Dekonstruktion der romantischen Komödie (als die er teils gefeiert wird) ist er wie auch als Satire über Selbstoptimierungswahn zu handzahm. Für Schauspielerkino enthält er außer dem tollen Kevin Corrigan als stets schwitzenden, rotgesichtigen und oft kiffenden und fressenden Danny nicht wirklich Schauspieler (als besten Nebendarsteller würde ich die rote Edelstahltrinkflasche wählen, die Guy Pearce immer mit sich trägt). Und für einen potentiell fluffigen Wohlfühlfilm ist er 20 Minuten zu langatmig – mindestens.


18.30 Uhr, Filmmuseum
KOIYA KOI NASUNA KOI (The Mad Fox)
Uchida Tomu
Japan 1962
109 Minuten, 35mm

Im Zuge einer Intrige am Hof verliert ein junger Mann nicht nur seine Geliebte, sondern auch seinen Verstand und lebt fortan in einer parallelen Fantasiewelt. Die Begegnung mit der Zwillingsschwester seiner Geliebten macht ihn wieder glücklich. Die Enkelin einer als Mensch getarnten Füchsin verliebt sich in ihn und nimmt die Gestalt der Zwillingsschwester der Geliebten an. Der Verrückte und die Füchsin ziehen zusammen in den Wald und gründen eine Familie...

Meine Kenntnisse des japanischen Kinos sind leider zu lückenhaft, aber ich vermute trotzdem, dass KOIYA KOI NASUNA KOI auch in diesem Kontext ein singulärer Film ist: Theater- und reine Fantasie-Dekore, theatralische Narration, Musical-Elemente, animierte Sequenzen erzählen eine Geschichte vom Wahnsinn und von der Liebe zwischen einem Menschen und einer Füchsin.
Wenn die Exposition etwas konventionell wirkt, abgesehen vom sehr expressiven Spiel der Darsteller, so kippt das ganze mit dem Wahnsinn der Hauptfigur, die plötzlich in einem Meer aus gelben Blumen und Schmetterlingen vor gelbem Horizont aufwacht und dann die nächsten zehn Minuten vor diesem stilisierten Dekor die Handlung nur mittels Ausdruckstanz vorantreibt, begleitet von einem expressiv gesungenen Off-Kommentar.
Die Füchse selbst sind erkennbar an ihren weißen Holzmasken, die sie bisweilen ablegen, wenn sie die Form von Menschen annehmen. Die Familienidylle zwischen dem Wahnsinnigen und der Füchsin spielt schließlich auf einer Bühne mit Pappmaché-Aufstellern, die rudimentär ein Haus und einen umliegenden Wald andeuten. Auch hier folgt eine lange Sequenz mit Off-Gesang und expressivem Tanz.
Die Füchsin verabschiedet sich schließlich wieder in den Wald. Bevor sie das tut, sperrt sie sich im Wohnzimmer ein. Durch die transluzente Papierabschirmung schreibt sie in einer stummen Szene ihrem „Ehemann“ eine Liebeserklärung in Schwarz mit Pinsel – mein wohl poetischster Filmmoment der ganzen Viennale. Mit einem Knall verabschiedet sie sich dann: die Bühne explodiert, fällt in sich zusammen und der junge Mann verwandelt sich offenbar in einen Stein...
Eine lohnende, wenngleich sehr harte Herausforderung von einem Film (leider haben weder die Filmmuseumssitze noch die Sitznachbarin, die alle zwanzig Sekunden dämlich gekichert hat, wirklich geholfen).


21.00 Uhr, Metro-Kino, Historischer Saal
NOT WANTED aka THE WRONG RUT
Ida Lupino, Elmer Clifton
USA 1949
91 Minuten, Digi-Beta

Die junge Sally ist eher schüchtern und naiv, lässt sich aber trotzdem auf eine Affäre mit dem Barpianisten Steve ein. Als dieser in eine andere Stadt, folgt sie ihm ohne groß nachzudenken (zumal sie eh ständig in Konflikt mit ihren Eltern steht). Im Bus dorthin trifft sie Drew, der ihr eine Wohnung besorgt. Nachdem Steve sich definitiv in Richtung Südamerika verabschiedet, wendet sich Sally mit ihrer Liebe an Drew. Doch dann kommt ein Schwächeanfall und die Nachricht: sie ist schwanger. Panisch flieht sie in ein Heim für unverheiratete Mütter und gibt dort ihr Kind weg...

© Viennale
Ida Lupinos Regiekarriere begann mit Elmer Cliftons Herzinfarkt. Für NOT WANTED agierte sie eigentlich als Autorin und Produzentin, doch als Regisseur Clifton besagten Herzinfarkt erlitt, wurde Lupino, die sich als Schauspielerin schon einen Namen gemacht hatte, mit der Regie beauftragt. Sie verzichtete allerdings von sich aus auf einen Credit dafür.
Herausgekommen ist ein außergewöhnlicher Film: mit absolut sicherer, meisterlicher Hand inszeniert – keine Spur von Regiedebütantin. Völlig unaufgeregt in der Art, wie er ein de-facto-Tabuthema behandelt, trotzdem höchst emotional im Umgang mit seinen Figuren. Auf maximalen emotionalen Effekt und trotzdem ohne Sensationsgier inszeniert. Anklagend gegenüber einer repressiven Gesellschaft, dabei aber auch verständnisvoll für alle Menschen, die ihr entspringen. Ein „Problemfilm“, der mehr auf lyrische Impressionen denn auf pädagogische Erklärung setzt.
Obwohl NOT WANTED im Kern ein Melodrama ist, wird er oft wie ein film noir inszeniert, in einem Schwarzweiß voller dunkler Schatten, bedrückender und beengender Innenräume, mit einer Unglücksverkettung für die Hauptfigur, die sie zu einem hilflosen Fatalismus treibt.
Die Überlieferung von NOT WANTED für die Viennale ist nicht so faszinierend wie der Film selbst, aber doch erwähnenswert. Der Film wurde für die Ida-Lupino-Retrospektive eingeplant, bevor eine Kopie vorhanden war. Es kam aber heraus, dass in Europa keine aufzutreiben war. So begann eine Suche nach US-amerikanischen Verleihen, die den Film einmal in Umlauf gebracht haben. Die Viennale-Mitarbeiter stießen auf „Something Weird“, einem unabhängigen Verleih, der in den 1960er und 1970er Jahren Exploitationfilme in Drive-In-Kinos vertrieben hat. Damit es dort auch Double-Features zu sehen gibt, suchte der Verleih auch nach vergangenen Filmen mit mehr oder minder „heißer“ Thematik, die als Vorfilm gezeigt werden konnten. NOT WANTED wurde als geeignet dafür gesehen. Die Werbung für den Film, der in THE WRONG RUT umbenannt wurde, sollte kaschieren, dass es sich eigentlich um ein ernsthaftes Melodrama handelte und nicht um einen Erotikfilm. Damit es auch schon vor dem Hauptfilm des Double Features etwas Sensationelles und Saftiges zu sehen gab, fügte der Verleih eine dokumentarische Szene mitten in den Film hinein. Als Sally auf einer Bahre in den Kreißsaal geschoben wird, unterbricht ein eingeschobener Zwischentitel die Geburtsszene (ein unscharf gefilmter Point-Of-View Sallys auf die umstehenden Ärzte und Schwestern) und erklärt, dass Komplikationen einen Kaiserschnitt nötig machten. Es folgen dann etwa 3 Minuten farbige (!) Aufnahmen eines realen Kaiserschnitts. Damit war die Sensationslust des Drive-In-Publikums bedient (oder auch nicht), wenngleich, wie ich und andere Zuschauer sehen konnten, nicht unbedingt dem Rhythmus von Lupinos Film. Jedenfalls erreichten die Viennale-Mitarbeiter die Witwe des kürzlich verstorbenen „Something Weird“-Chefs Mike Vraney und sie hatte tatsächlich noch eine Kopie des Films. Sie war sogar bereit, sie zu einem geringen Preis zu verkaufen. Gesagt, getan. Als die Kopie in Wien ankommt, gibt es eine kleine Überraschung. Nein: kein Essig-Cocktail. Sondern eine Nitrokopie! Die auf dem Weg von Seattle bis nach Wien gefühlt 10.000 Mal in Flammen hätte aufgehen können (zum Beispiel im Flugzeug) – es aber glücklicherweise nicht tat. Die Zeit reichte nicht, um den Film auf normalen 35mm-Film umzukopieren. Deshalb war eine Digi-Beta-Kopie zu sehen, die übrigens qualitativ erstaunlich gut war (wenn nicht sogar besser als manch DCP).

Mit luzifus noch ein wenig in der Lounge des Metro-Kinos sitzen. Noch zwei Bier. Dann raus.

Montag, 2. November

am späten Nachmittag
Epilog am Prager Hauptbahnhof
Ein fahrender DVD-Händler hält einige wunderbare Delikatessen für den reisenden Cinephilen aus Deutschland bereit. Hierzulande von Staatsanwälten und Jugendschützern nur ungern gesehene Kannibalen-Exploitation aus Italien (CANNIBAL HOLOCAUST, LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE, CANNIBAL FEROX) gab es ebenso wie INFERNO, SHOWGIRLS und DEAD HEAT zum Schnäppchenpreis von jeweils 10 tschechischen Kronen zu erwerben (also umgerechnet 40 Cent). Zugegeben nur umhüllt von einer lieblosen Papphülle. Und okay, DEAD HEAT ist bestenfalls „open matte“, wahrscheinlich aber einfach nur in einer seitlich beschnittenen Fassung. Und ja, INFERNO funktioniert in meinem Player irgendwie nicht. Und ja, SHOWGIRLS gibt es nur in diesem komischen 2.05:1-Format, der sich auch auf den deutschen DVDs befindet. Und ja, überall gibt es nur tschechische Untertitel, was bei den italienischen Leckerbissen ein Ausweichen auf die englische Synchro zumindest bei der Erstsichtung nötig macht. Aber hey: in ehemaligen k.u.k.-Provinzen ist Kino, das hierzulande verfemt und teils sogar juristisch verfolgt wird, schon wenigstens an einem symbolträchtigen Ort angekommen, nämlich am Bahnhof...

Meine persönlich Viennale-Rangliste

1 THE BIRDS
2 NOT WANTED
3 BABE: PIG IN THE CITY

4 THE END OF THE TOUR
5 KOIYA KOI NASUNA KOI (The Mad Fox)
6 DIE TOTEN FISCHE

außer Konkurrenz SPECTRE

7 BAMBI
8 THE HITCH-HIKER
9 A ZED AND TWO NAUGHTS

10 DHEEPAN
11 THE DEVIL‘S CANDY

12 TO AGORI TROEI TO FAGITO TOU POULIOU (Boy Eating Bird's Food)
– RESULTS

14 FRANCOFONIA
– XIA NU